Überfallsopfer: «Es war schrecklich»

Fabienne Engbers, 14. Dezember 2017, 18:48 Uhr
Ein damals 21-Jähriger hat die Kontaktbar «Big Apple» in Frauenfeld im Januar 2016 ausgeraubt.
Ein damals 21-Jähriger hat die Kontaktbar «Big Apple» in Frauenfeld im Januar 2016 ausgeraubt.
© FM1Today/Raphael Rohner
Drei Tankstellen, eine Postfiliale, die Kontaktbar «Big Apple», ein Taxi und mehrere Personen soll ein Thurgauer Räuber ausgeraubt haben. Am Donnerstag musste er sich vor dem Bezirksgericht Münchwilen verantworten. Statt fünf Jahre Haft abzusitzen, bleibt der Mann wohl in einem Massnahmezentrum.

Ein mittlerweile 22-Jähriger hat von August 2015 bis Februar 2016 mehrere Raubüberfälle auf Tankstellen und Privatpersonen verübt. Ausserdem hat er Falschgeld gekauft und dieses verbreitet. Jetzt drohen dem Angeklagten mehrere Jahre Haft. Absitzen muss er diese aber vermutlich nicht.

Überfälle auf Tankstellen, Bar und Private

Die Angestellten in den Tankstellenshops sowie in der Kontaktbar «Big Apple» in Frauenfeld bedrohte der junge Mann jeweils mit einer Softair-Waffe. Auch Privatpersonen konnte er so Geld entwenden. Zu Beginn raubte der Angeklagte alleine Tankstellen aus. Er bedrohte die Angestellten mit der wie echt aussehenden Waffe und forderte die Herausgabe von Geld. Auch die Kontaktbar Big Apple wollte der 22-Jährige ausrauben. Als er die Angestellten vor Ort bedrohte, wurde ihm allerdings bewusst, dass es hier kein Geld zu holen gab.

«Es war schrecklich»

Die Tankstellenshop-Mitarbeiterin Michelle Herzog, eine der Privatklägerinnen, liess das Geschehene am Donnerstag Revue passieren: «Er [der mutmassliche Täter] kam eine Minute vor 22 Uhr in die Tankstelle. Als ich mich umdrehte, schaute ich in eine Waffe. Alles ging sehr schnell und war schrecklich.» Das Opfer hoffte, dass der damals 21-Jährige endlich wieder verschwindet. «Ich habe nicht einmal mehr meine Beine gespürt», äusserte sich Herzog gegenüber TVO.

TVO-Beitrag zum Thurgauer Räuber:

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Später verübte der Beschuldigte zusammen mit Komplizen Überfälle auf Drogendealer und Privatpersonen. Der Angeklagte bedrohte unter anderem eine Taxifahrerin und einen Passanten mit seiner Softair-Waffe und erbeutete gemeinsam mit den Komplizen ihr Bargeld und ihre Mobiltelefone. Die Taxifahrerin trug vom Überfall eine Platzwunde und eine Gehirnerschütterung davon.

Falschgeld im Darknet gekauft

Gemäss Anklageschrift war der Beschuldigte jeweils in Geldnot. Auch aus diesem Grund erwarb er mit einer Komplizin Falschgeld im Darknet. Zuerst kauften und verprassten sie 2000 Euro. Bei einer nächsten Lieferung kaufte der Angeklagte 15'000 Euro Falschgeld in Form von 50 Euro-Noten. Ein Teil des Geldes wurde in Umlauf gebracht. Vor allem Drogen bezahlte der Beschuldigte offenbar mit Falschgeld. Einen Grossteil des Geldes lagerten die Komplizen in einem Keller, der später von der Polizei durchsucht wurde.

Haft und stationäre Massnahme

Die Staatsanwaltschaft fordert, den Angeklagten wegen mehrfachen Raubes, Einführens, Erwerbens und Lagerns von Falschgeld und des Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz schuldig zu sprechen. Ihm drohen sieben Jahre Freiheitsstrafe. Der Verteidiger forderte vor Gericht fünf Jahre Haft.

Ausserdem ist für den 22-Jährigen eine stationäre Massnahme vorgesehen, die er bereits angetreten hat. Das sei der richtige Ort für ihn, sagt der geständige Angeklagte. Dort hat er eine Lehre als Automechaniker begonnen, nachdem er 176 Tage in Untersuchungshaft war. «Ich habe seither kein Bedürfnis mehr nach meinem alten Leben», sagte der Angeklagte vor Gericht. Für sein Alter wirkte er unsicher, fast kindlich. Er gab alle seine Taten zu und entschuldigte sich im Gerichtssaal bei seinen Opfern.

Die Anklage und die Verteidigung waren sich einig, dass die Haftstrafe für den jungen Mann auszusetzen sei, er solle stattdessen im Massnahmezentrum seine Lehre abschliessen.

Für den Angeklagten gilt bis zur Verkündung des Urteils, die das Bezirksgericht Münchwilen schriftlich vornimmt, die Unschuldsvermutung.

Fabienne Engbers
Quelle: enf
veröffentlicht: 14. Dezember 2017 18:48
aktualisiert: 14. Dezember 2017 18:48