Vorarlberg auch für SRF der «Kanton Übrig»

Christian Ortner, 5. Juni 2019, 16:07 Uhr
Das waren noch Zeiten: Der frühere SRF-Sportreporter und heutige FCSG-Präsident Matthias Hüppi. (Aufnahme vom 5. Februar 1987 aus Crans-Montana)
© Keystone
Ich verstehe den kleinen Aufruhr bei mir zuhause in Vorarlberg. Jetzt dreht das SRF doch glatt uns Nachbarn, die der Schweiz immer so wohlgesonnen waren, die Sender ab. Nicht nur der ORF muss sparen, auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Schweiz will sich keinen Luxus mehr leisten. Ein Kommentar.

Für uns war das Schweizer Fernsehen nie Luxus, sondern etwas, das immer da war in der gemütlichen Wohnstube. Während im Osten unserer Republik, in unmittelbarer Nachbarschaft zum damaligen Ostblock, die zwei Kanäle des ORF Standard waren, so hatten wir schon immer das Schweizer Fernsehen (dazu noch ARD, ZDF und den Südwestfunk). Als Jahrgang 1971 bin ich damit aufgewachsen. Vor allem erinnere ich mich an die sonntagabendlichen Besuche mit meinen Brüdern bei unserer Tante, die immer gleich verliefen: zuerst kurzer Smalltalk und dann alle vor den Fernseher, um das Sportpanorama gemeinsam anzuschauen. Fussball gab es bei uns auch, aber kein Radquer, keine Schwingfeste oder gar Waffenläufe. Die liebten wir über alles. Unsere Sportidole hiessen neben Franz Klammer auch Albrecht Moser, Beat Breu und Heinz Hermann. Die GC-Legende hatte die Frisur, die wir alle haben wollten aber nie haben durften. Und er spielte in der Blütezeit von GC zusammen mit dem Tiroler Kurt Jara, den wir ebenso verehrten wie «Bubu» Ritter und Martin Gisinger, die Vorarlberger Stützen des FC St.Gallen.

Christian Ortner, Leiter Online FM1Today (Bild: St.Galler Tagblatt/Urs Bucher)

Das SRF war aber all’ die Jahrzehnte auch mediale Zuflucht, wenn bei den Skirennen der rot-weiss-rote Patriotismus unserer Kommentatoren nicht mehr auszuhalten war und wir uns nach schweizerischer Objektivität und fast schon provokanter Gelassenheit sehnten. Diese litt zwar in Zeiten eines Sascha Rufer und Rainer Maria Salzgeber, aber das SRF blieb der letzte öffentlichen-rechtliche Fels in der Brandung, wenn man die Uefa-Champions-League ohne Bezahl-Abo sehen wollte.

Der dunkle SRF-Bildschirm in Vorarlberg ist nur ein weiterer Schritt der Entfremdung von der Schweiz. Schmuggelten unsere Eltern mit uns im Schlepptau noch die Grosseinkäufe aus dem Rheinpark über die Grenze, so haben sich die Einkaufsströme längst in die andere Richtung gedreht. Auch die Ausflüge in die «Schweizer Berge» kennen die jungen Vorarlberger nicht mehr. «Zu teuer», heisst es, oder, wenn man nicht den Preisen die Schuld geben will, «bei uns ist es doch auch schön».

Das Gros der Vorarlberger verliert rasant den Bezug und damit die Liebe zur (Ost-)Schweiz. Jetzt wird noch eines der letzten Fenster zu den Nachbarn jenseits des Rheins geschlossen. Mehr «Kanton Übrig» geht kaum noch.

Den Sparkurs der SRG spüren auch die TV-Konsumenten in Vorarlberg. Schon seit Montag sind SRF 1 und SRF 2 jenseits des Rheins über Antenne nicht mehr zu empfangen. Aber auch für jene, die die Schweizer Programme über Kabel empfangen, ist ab Ende Juni Schluss. Da sich viele Vorarlberger darüber ärgern, wollen die Kabelanbieter nochmals mit der SRG verhandeln.
Christian Ortner
veröffentlicht: 5. Juni 2019 16:07
aktualisiert: 5. Juni 2019 16:07