«Poller sind nur ein bedingter Schutz»

Trotz Poller fuhren die Täter in die Tür.
Trotz Poller fuhren die Täter in die Tür. © Bild (PD)
In der Nacht auf Montag wurde in der Multergasse in St.Gallen die Bijouterie Bucherer ausgeraubt. Obwohl die Türe mit einem Poller geschützt war, kamen die Täter hinein. Ein Juwelierexperte erklärt warum.

Die Bilder sind spektakulär: Das zum Rammbock zweckentfremdete Auto hat den rund ein Meter hohen Poller nur um wenige Zentimeter verfehlt und die Türe der Bijouterie Bucherer seitlich aufgestossen. Die drei Einbrecher gehen herein und erbeuten Schmuck im Wert von mehreren hunderttausend Franken.

Martin Winckel (Bild: pd)

Dass die Einbrecher trotz eines Pollers in das Geschäft eindringen konnten, überrascht Martin Winckel nicht. «Poller sind nur ein bedingter Schutz, der schon in vielen Fällen überwunden worden ist.» Winckel ist Betreiber des internationalen Juwelier-Warndienstes, der sich für die Prävention von Kriminaltaten in der Schmuck- und Uhrenbranche einsetzt.

Keine vollständige Sicherheit

Trotz grosser Sicherheitsvorkehrungen – einen hundertprozentigen Schutz gebe es nie. Beim Einbruch am Montag sei vor allem die Vorbereitung optimal gewesen. «Die Täter haben das Objekt aus meiner Sicht perfekt ausbaldowert», sagt Winckel. Ein Juweliergeschäft kann sich jedoch nicht nur mit Pollern schützen. «Es gibt zum Beispiel einbruchssicheres Glas, gegen das man mit einem Fahrzeug fahren kann, ohne dass es durch kommt.»

Richtwerte, wie viel Schutz ein Juweliergeschäft braucht, gebe es nicht. «Das ist immer eine individuelle Absprache zwischen der Versicherung und dem Juwelier.» Die Versicherung entscheide, ob der Schutz genüge. «Man kann immer noch mehr machen.»

Hohe Sicherheitskosten

Die Kosten für die Sicherheit sind hoch. Doch ein pauschales Preisschild kann auch der Experte nicht zeigen. «Die Kosten richten sich nach der Grösse des Geschäfts und nach den vorhandenen Werten. Je nach Grössenordnung kann das gleich 100’000 Franken oder mehr kosten.»

Eine Augenzeugin beobachtete den Einbruch. Dabei hörte sie, wie sich die Täter in einer Fremdsprache unterhielten. Für Winckel ist das nicht aussergewöhnlich: «Wir haben schon seit Jahren osteuropäische Banden, welche die Juweliere schädigen.» Generell seien einheimische Täter selten. «Dass in der Schweiz ein Schweizer Einbrecher nach einer Tat bei einem Juwelier gefasst wird, ist nur sehr selten der Fall.»

Ort austauschbar

Ein solcher Einbruch werde von langer Hand geplant. «Es gibt bei den Banden sogenannte Residenten. Diese halten sich vor Ort auf und suchen Tatobjekte», sagt Winckel.

Einen Grund, warum die Diebe ausgerechnet in St.Gallen zugeschlagen haben, gebe es nicht. «Es geht nur darum, wie die Einbrecher möglichst schnell an Diebesgut kommen und dann möglichst schnell fliehen können.» Die Stadt sei dabei austauschbar. «Die Täter hätten auch an einem anderen Ort in der Schweiz, Deutschland oder Österreich zuschlagen können.»

(tob)


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