Der 2. Weltkrieg an der Rheintaler Grenze

Nina Müller, 29. Dezember 2018, 14:31 Uhr
Edith Müller-Marugg ist mit dem stolzen Alter von 90 Jahren eine der wenigen Rheintalerinnen, die den zweiten Weltkrieg im Grenzgebiet miterlebt hat und heute noch darüber berichten kann. Ihr Vater war ab 1940 an der Diepoldsauer Grenze tätig, welche 1945 beinahe bombadiert worden ist.

Für Leute, die wie ich im Rheintaler Grenzgebiet gross geworden sind, war der Zweite Weltkrieg im Hintergrund dauerpräsent. Als Kinder haben wir auf den alten Bunkern gespielt, über die Friedensbrücke in der Au sind wir mit dem Fahrrad gefahren und im Wald hat es heute noch überall Panzer-Stopper. Ich wohnte als Kind fünf Minuten zu Fuss von der Festung Heldsberg weg, heute ein altes Festungsmuseum. Trotzdem war mir während meiner Kindheit nicht bewusst, was es bedeuten musste, während des Zweiten Weltkrieges hier zu wohnen. Doch meine Oma, Edith Müller, hat den Krieg an der Rheintaler Grenze ab 1940 miterlebt.

Von Viano nach Diepoldsau

1945 wurde Diepoldsau beinahe von französischen Truppen bombadiert, weil diese dachten, es sei österreichischer Boden. «Ein Schweizer Soldat ist mutig mit der Schweizer Fahne voran geschritten und hat so verhindert, dass Diepoldsau bombadiert worden ist.» Diese Geschichte erzählte mir meine Oma immer wieder als ich noch ein kleines Mädchen war. Mit zehn Jahren zog meine Oma mit ihrer Familie vom kleinen Schmugglerdörfchen Viano, im tiefen Bündnerland, nach Diepoldsau. Ihr Vater, Josias Marugg, war der Postenchef an der Grenze zu Italien. 1940 wurde er an die Diepoldsauer-Grenze versetzt. Die damaligen Verhältnisse verlangten die Verstärkung der Nordostgrenze. Das war knapp ein Jahr nachdem Paul Grüninger suspendiert worden ist, weil er an genau dieser Grenze tausende Juden in die Schweiz geschmuggelt hatte.

Juden über die Grenze geholfen

Auch mein Urgrossvater hat geholfen, Juden in die Schweiz zu schmuggeln. Das war zwar nicht immer ganz freiwillig. «Es war nicht einfach für ihn, es gab sogar welche, die ihn mit dem Messer bedroht haben», sagt meine Oma Edith. Die Juden wurden von der Familie Grieder, die ein Kleidergeschäft in Zürich hatte, abgeholt und nach Zürich gebracht. Irgendwann wurde Josias dann in den Nebengraben versetzt. Das ist ein Nebengebiet von St.Margrethen. Warum, weiss bis heute niemand genau. «Wahrscheinlich wurde er versetzt, weil er so viele Juden über die Grenze holte», sagt Trudy Marugg, die Frau des Bruders meiner Oma.

Viele ertranken beim Überqueren des Rheins

Die Toten, die man immer wieder rund um den Rhein fand, hat sie auch mit 90 Jahren nicht vergessen. Viele Flüchtlinge versuchten über den Rhein zu schwimmen und so in die Schweiz zu gelangen, dabei ertranken viele. Auch an die vielen Kampfflugzeuge und selbst an Bombardierungen auf der anderen Seite der Grenze kann sie sich erinnern. «Die Buben sind immer auf die Bäume geklettert, damit sie die Flugzeuge besser sehen konnten», sagt sie, schmunzelt und verdreht dabei die Augen. Ihr und ihren zwei kleinen Geschwistern habe es aber trotz allem nie an etwas gefehlt. Sie konnten zur Schule gehen, hatten genügend zu essen und fuhren teilweise bis nach Zürich mit dem Fahrrad.

Was sich meiner Oma aber am meisten ins Gedächtnis gebrannt hat, war die Kriegssirene: «Sofort runter. Wir mussten immer sofort in den Luftschutzkeller», sagt sie. Das hatte ihnen ganz schön Angst gemacht. Dementsprechend gross war die Freude über das Kriegsende. An ein Fest kann sie sich nicht mehr erinnern. Dazu meinte sie: «Also früher hat man doch nicht so viel gefeiert, wie heute.»

FM1Today hat Edith Müller im Rahmen der Serie «Die Letzten ihrer Art» besucht. Während des Dezembers werden weitere Persönlichkeiten, welche die letzten in ihrem Handwerk sind oder einen speziellen Beruf ausüben, vorgestellt. Alle Porträts im Überblick gibt es hier.
Nina Müller
veröffentlicht: 29. Dezember 2018 14:05
aktualisiert: 29. Dezember 2018 14:31