Anzeige

Stich um Stich zum «Kleid der Heimat»

Praktikant FM1Today, 21. Dezember 2018, 10:12 Uhr
Silvia Reifler schneidert in St.Gallen Trachten. Nicht Dirndl, sondern das echte «Kleid der Heimat». Das hat aber seinen Preis.

Die Nähmaschine rattert unermüdlich. Sorgfältig zieht Silvia Reifler am dunkelgrünen Stoffstück, zieht es gerade und näht weiter. Langsam erkennt man die Umrisse des zukünftigen Trachtenjackenärmels, der gerade unter der Nähmaschinennadel liegt. Reifler ist seit 28 Jahren Schneiderin für Frauentrachten, ihre Erfahrung merkt man bei jedem Handgriff.

«Eine Tracht zeigt an, woher man kommt. Es ist das Kleid der Heimat», sagt Reifler. Viele Orte haben ihre eigene Tracht, alleine im Kanton St.Gallen gibt es 50 verschiedene Varianten. «Eine Stadt-St.Galler-Tracht sieht anders aus als eine aus dem Toggenburg.» Das Dirndl sei hingegen eine Fantasietracht ohne Ortsbezug.

Im dicken Ordner sind alle Vorgaben eingetragen. (Bild: FM1Today/Tobias Bruggmann)
© FM1Today/Tobias Bruggmann

Darum gibt es strenge kantonale Richtlinien, wie eine Tracht auszusehen hat: Material, Form und Schnitt sind vorgegeben, einzig die Farbe darf ausgesucht werden. «Die St.Galler Winter- und Tschöpplitracht gibt es in schwarz, braun, blau, grün oder rot.» Doch das Kleidungsstück entsteht nicht nur mit der Maschine. Vieles ist Handarbeit, vor allem die aufwendigen Verzierungen und Stickereien.

Tracht zur Einbürgerung  

Die unterschiedlichsten Menschen kaufen Trachten. «Viele sind Mitglied in einem Trachten- oder Jodelverein oder Bauern.» Es gibt aber auch exotische Kunden. «Auch zu Einbürgerungen oder wenn jemand aus der Schweiz wegzieht und ein Andenken kaufen will, wird eine Tracht bestellt», sagt Reifler.

Player spielt im Picture-in-Picture Modus

Für Reifler gehört die Tracht zur Tradition. «Ich habe aber auch schon gehört, dass eine Tracht rückständig sei», sagt sie. Das stimme aber nicht. «Natürlich sind die Mitglieder im Trachtenverein eher älter und die Mitgliedszahlen rückläufig, aber jüngere Leute wollen das Brauchtum immer öfter leben.»

Teures Vergnügen

Für eine schöne Tracht muss man Geld ausgeben: Die Werktagstracht kostet zwischen 1200 bis 1500 Franken, eine Festtagstracht kann bis zu 6500 Franken kosten. Dafür bekommt man echte Handarbeit – Reifler arbeitet bis zu 70 Stunden an einer Tracht. Pro Jahr produziert sie rund zwölf Trachten, gibt nebenbei aber auch noch Kurse und näht alte Trachten um.

Die Nähkiste umfasst beinahe alles, was Silvia Reifler für die Tracht braucht. (Bild: FM1Today/Tobias Bruggmann)
© FM1Today/Tobias Bruggmann

Meistens kommen die Kunden mit festen Vorstellungen auf Reifler zu, enttäuschen muss sie diese nur selten. «Ich bestelle die Stoffe, schneide diese anhand der Schnittmuster zu und nähe sie dann zusammen. Danach kommt das Anprobieren.» Ein wichtiger Teil der Arbeit. «Am schönsten ist, wenn eine Kundin noch lange Zeit nach dem Kauf sagt, dass sie die Tracht gerne trage. Dann sitzt sie nämlich auch perfekt», sagt Reifler lachend.

Nachfolge offen

Die gelernte Schneiderin verarbeitet bereits seit 28 Jahren Stoffe zu Trachten. «Als die damalige St.Galler Trachtenschneiderin in Pension ging, hat sie mich angefragt, ob ich ihren Beruf übernehmen wolle. So bin ich in das Metier hineingerutscht.» Reifler hat aber selbst einen Bezug zur Tracht: Ihr Mann jodelt. Und natürlich trägt sie selbst Tracht: «Wenn ich einen Anlass für den Trachtenverein besuche oder einen Kurs gebe, gehört das dazu.» Privat treffe man sie nur selten in Tracht an.

Die Trachten werden nur auf Bestellung gefertigt. (Bild: FM1Today/Tobias Bruggmann)
© FM1Today/Tobias Bruggmann

Mit 61 Jahren beschäftigt sich Reifler mit der Nachfolgeregelung. «Ich suche nicht aktiv, aber halte die Augen offen.» Es sei wichtig, das Wissen weiterzugeben. Die Suche ist nicht einfach. «Die Ausbildung von Schneidern läuft heutzutage anders ab als früher, was es schwieriger macht.»

Doch auch wenn sich die Ausbildung und die Technik verändert: Das Rattern der Nähmaschine wird bleiben.

Professionelle Organisation

Die Trachtenvereinigungen sind professionell organisiert. Es gibt einen gesamtschweizerischen Dachverband, dazu verschiedene kantonale Sektionen, welche auch die Trachtenregeln aufstellen. Entstanden sind diese jedoch schon viel früher. «Nach dem ersten Weltkrieg gab es eine grosse Heimatverbundenheit, die sich auch in der Tracht ausdrückte.

FM1Today hat Silvia Reifler im Rahmen der Dezember-Serie «Die Letzten ihrer Art» besucht. Während des Dezembers werden weitere Persönlichkeiten, welche die letzten in ihrem Handwerk sind oder einen speziellen Beruf ausüben, vorgestellt. Alle Porträts im Überblick gibt es hier.

Praktikant FM1Today
Quelle: tob
veröffentlicht: 21. Dezember 2018 07:46
aktualisiert: 21. Dezember 2018 10:12