«Reden, um böses Blut zu vermeiden»

Viele Nachbarn reden nicht mehr miteinander, sondern lösen ihre Konflikte mit einem Vermittler oder sogar vor Gericht. (Symbolbild)
Viele Nachbarn reden nicht mehr miteinander, sondern lösen ihre Konflikte mit einem Vermittler oder sogar vor Gericht. (Symbolbild) © iStock
Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, so lautet der Volksmund. Josua Rüthemann freut sich, wenn er den Streit von zwei Menschen lösen kann. Er ist Vermittler in Uznach und löst professionell Nachbarschaftsstreite. Bei «Beni am Samstag» erzählt er von seiner Arbeit.

Herr Rüthemann, Sie sind Vermittler beim Vermittleramt Obersee-Gaster und zuständig für acht Gemeinden. Worum geht es bei Ihrer Arbeit?
Josua Rüthemann: Der Grundsatz ist: Frieden stiften. Zuerst schlichten, dann richten. Wenn zwei oder mehr Parteien Streit haben oder einfach nicht mehr miteinander reden können, kommen wir ins Spiel. Wir bemühen uns, pragmatische Lösungen zu finden, und zwar aussergerichtlich.

Wie läuft so eine Vermittlung ab?
Die erste Anfrage kommt in der Regel telefonisch. Dann müssen die Kläger eine schriftliche «Klage» einreichen. Darauf folgt eine Sitzung am Tisch mit allen Beteiligten. Beide Parteien reden und stellen ihren Standpunkt dar. Ich bin als Neutraler dazwischen und vermittle.

Um was für Streite geht es am häufigsten?
80 Prozent der Fälle sind Forderungen. Es geht um Geldzahlungen, die nicht erledigt wurden. Der eine verlangt Geld für irgendeine Leistung oder Warenlieferung, der andere zahlt nicht, und irgendwann geht es einfach nicht mehr weiter und der Streit eskaliert.

Befassen Sie sich auch mit Nachbarschaftsstreiten?
Ja, die gibt es auch häufig, sie machen etwa 10 bis 15 Prozent der Fälle aus. Grillieren, Rauch, störende Baumäste – schon hat der Nachbar «ä dummi Schnorre».

Finden Sie das manchmal etwas irritierend?
Ich denke dann schon: Tragisch, dass man deswegen zum Vermittler muss und nicht mehr direkt zum Nachbarn geht und ihn darauf hinweist, um es untereinander zu regeln. Ich probiere immer, pragmatisch zu sein und zu sagen, dass der Beklagte vielleicht doch besser den Ast abschneidet. Ich gebe ihnen aber auch zu verstehen, dass sie das untereinander hätten regeln können. Gleichzeitig sage ich: Bis und mit Vermittler ist noch alles in Ordnung. Man kommt halt manchmal einfach nicht mehr weiter, und dann braucht man fremde Hilfe. Dafür sind wir da.

Wo ist ihre persönliche Grenze?
Also wenn man wegen Nachbarstreitigkeiten bis vor Gericht geht, habe ich kein Verständnis mehr. Ich rede in solchen Fällen auch von Schadensbegrenzung: Die aussergerichtliche Vermittlung kostet vielleicht 200 bis 250 Franken. Das kann man teilen und ist noch relativ günstig. Vor Gericht wird es dann richtig teuer und langwierig, denn die Anwälte müssen ja auch bezahlt werden.

Er schreitet ein, wenn es zwischen Nachbarn brennt: Der Vermittler Josua Rüthemann

Josua Rüthimann ist professioneller Vermittler. (Bild: FM1Today)

Haben Sie viele positive Erlebnisse bei der Arbeit?
Es gibt sehr viele dankbare Momente. Wenn man beispielsweise nach jahrelangen Streiten sieht, wie sich die beiden Parteien die Hand geben. Ein Beispiel: Ein Paar hat im Garten einen kleinen Teich gebaut. Bald nisteten sich Frösche ein. Immer mehr Frösche lebten im Teich, und im Frühling quakten sie so laut, dass die Nachbarn nicht mehr schlafen konnten.

Es ging so weit, dass die Nachbarn behaupteten, die Kinder könnten sich aufgrund des Schlafmangels nicht mehr konzentrieren und schrieben schlechte Noten. Zehn Nachbarn klagten gemeinsam gegen das Paar. Dieses meinte, sie hätten probiert, die Frösche loszuwerden, doch erfolglos.

Dann wurde auf dem Vermittlungsamt gemeinsam eine Lösung erarbeitet: Die Beklagten bauten einen kleinen Zaun um den Teich herum, und die Kläger brachten die Frösche, die in Löchern gefangen waren, zum Bach herunter. Bald kehrte Ruhe ein. Ich habe zumindest nichts mehr gehört.

Sie haben die beste Erfolgsquote im Kanton St.Gallen: Über 80 Prozent der Fälle, die Ihnen zugewiesen wurden, konnten Sie lösen. Was ist ihr Rezept?
Ich denke, es ist sicher die Lebenserfahrung und das Alter. Wenn ich den Leuten etwas präsentiere, ist es möglicherweise überzeugender als bei jungen Kollegen. Und: Man muss hartnäckig und beharrlich bleiben.

Was ist ihre Botschaft an hässige Nachbarn?
Ich sage eines: Redet miteinander! In der heutigen Zeit springt man immer gleich zu Hilfspersonen. Seien es Rechtsanwälte, Ärzte, Psychologen oder Therapeuten. Dabei kann man doch zuerst die einfache Lösung suchen und direkt mit dem Nachbarn – oder was für eine beteiligte Person auch immer – reden, denn wenn man früh genug agiert, kann meistens viel böses Blut vermieden werden.

(lak)


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