Rheintaler Dialekt: «Verreckt schöa!»

Von Andreas Forster
Ueli Bietenhader findet Mundart «verreckt schöa».
Ueli Bietenhader findet Mundart «verreckt schöa». © FM1Today/Anja Müggler
Woascht eh!? – Kein anderer Ostschweizer Dialekt ist breiter als jener im St. Galler Rheintal. Direkt und mitteilsam ist die Sprache. Kurzum: Eine Sprache direkt aus der Bauchgegend, die ihresgleichen sucht.

So weit das Tal, so breit die Sprache. «Zmiattig», «Harrgolani» und «Suukogg» – darum dreht sich die Welt von Ueli Bietenhader. Der Altstätter Dialektexperte ist dazu ein begnadeter Geschichtenerzähler, zu Neudeutsch ein richtiger «Storyteller». Er würde diese Bezeichnung nicht gelten lassen. Nicht für einen wie ihn. «Wa moanscht anart!?», würde er uns massregeln. Die englischen Ausdrücke sind Bietenhader ein Dorn im Auge. Wieso das Kind nicht beim Namen nennen? Eine Tugend, die sich im St. Galler Rheintal in der Sprache widerspiegelt. Die «Kids» sind «Goofa» oder «Gorrscha», und sie sind nicht «herzig» oder «schnüssig», sondern «lüüb», ja sogar «huarra lüüb».

 

«Miar bruchand ehner Kraftwörter zum säga, wia wahnsinnig’s eim gfaalla het: Da isch huarra schöa gsi!»

Breit und rau geht es sprachlich zur Sache im Tal, das den trennenden Fluss im Namen trägt. Gleichzeitig ist der Rhein eine Art sprachlicher Kompass für den Dialekt und seine Mundarten. «Deschto nöcher am Rhii, deschto broater wird gschnorret», erklärt Ueli Bietenhader. «Dr Dipildsouer moant, dr Balgacher monnt, dr Altstätter maant», zeigt Bietenhader die mundartliche Unterschiede auf. Was in einem Dorf gilt, kann im nächsten schon anders klingen. Genau deshalb spricht er von Mundart, welche viel lokaler ist als Dialekt, welcher ein regionaler, wenn nicht sogar überregionaler Begriff darstellt. Daher ist zum Beispiel «lüüb» kein eigentliches Rheintaler Dialektwort, sondern hat seinen Ursprung in der Mundart von Widnau und Diepoldsau.

 

«Darf ich hinaus! – Hömmr da Lehrer amels mössa fröga, wenn ma notlig het sölla und sind ussi.»

Ueli Bietenhader hat schon einige Bücher und Texte geschrieben, im Speziellen über die Altstätter Mundart. Er liebt die Sprache, er liebt die Echtheit und die Direktheit seines Dialekts, auch wenn er viele vor den Kopf stösst. Im St. Galler Rheintal greift man sprachlich beherzt zu. Ein Säugling wird schon mal als «lüübs Siachli» bezeichnet.

 

«A direkti Sproch, wo da ussait, wo ma maant.»

Es sind seelenschwere und doch scharfkantige Wortklötze, die da gschnitzt werden. «Üsseri Sproch isch ruuch, aber gliich kräftig und klar. Eifach huarra schöa», meint Bietenhader, der um die Aussenwirkung des Dialekts natürlich weiss. Seine Frau, die aus dem Toggenburg stammt und vor Jahren eine Stelle als Lehrerin in Altstätten antrat, wollte schon Reissaus nehmen. Nicht wegen ihm, sondern weil ihre damaligen Schüler «so wüascht und ruuch gschnorret hend». Die kräftigen Ausdrücke seien für Auswärtige zwar schwer zu ertragen, sie seien aber nur mit Ausnahmen böse oder abschätzig gemeint. So lässt sich auch Bietenhaders Lieblingsdialektwort erklären. Der leidenschaftliche «Storyteller» aus Altstätten mag es deftig «schöa» – Nein! – «verreckt schöa».


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