Sag Ja zu Hippie-Bus statt Luxus-Suite!

Von Lara Abderhalden
Immer mehr Schweizer verbringen ihre Ferien auf dem Campingplatz.
Immer mehr Schweizer verbringen ihre Ferien auf dem Campingplatz. © iStock
Anschnallen, losfahren und schlafen, wo man will: Campen liegt im Trend und wird immer beliebter. Woran liegt das? FM1Today-Redaktorin Lara Abderhalden versucht, nach vier Monaten Europareise im eigenen Camper, Antworten zu finden.

Zwei deutsche Pensionäre, die unter einem Sonnensegel sitzen, ihre braungebrannten dicken Bäuche aus den engen Badehosen baumeln lassen, dazu ein Bier trinken und ein Klatsch-und-Tratsch-Heftli lesen oder Kreuzworträtsel lösen. So stellt man sich typische Camper vor. So sind sie auch oft, aber nicht nur. Immer häufiger packen auch junge Erwachsene ihren Kram zusammen, mieten ein Wohnmobil oder bauen sich einen eigenen Bus und stürzen sich auf die Campingplätze.

Campen liegt im Trend. Das beweisen die Zahlen aus dem Jahr 2018. Im Vergleich zum Vorjahr haben die Zahl der Campingplatz-Übernachtungen um über zwölf Prozent zugenommen, schreibt der Campingplatz-Führer «Camping.Info». Über 3,5 Millionen Logiernächte zählten die Schweizer Plätze 2018, bestätigt der Bund. In der Ostschweiz haben die Übernachtungen sogar um rund 23 Prozent zugenommen.

Die Zahl der zugelassenen Wohnmobile hat in den letzten Jahren zugenommen. (Bild: Camping.info)

Die Zahl der zugelassenen Wohnmobile hat in den letzten Jahren zugenommen. (Bild: Camping.info)

Waren es 2014 noch knapp 45’000 zugelassene Wohnmobile in der Schweiz, sind es mittlerweile rund 60’000. Aber weshalb tauschen immer mehr Menschen ein bequemes Hotelbett mit privater Dusche und WC gegen ein vierrädriges Matratzenlager?

Freiheit

Die Antwort, mein Freund, weht im Wind. Das hat Bob Dylan schon 1967 gesungen. Wer das Gefühl von Freiheit erleben will, der schnappt sich am besten einen alten VW-Bus ohne Klimaanlage und lässt, ganz nach dem Motto des Schweizer Sängers Dodo, den linken Arm aus dem Fenster baumeln.

Natürlich ist das auch mit einem normalen Auto möglich, die Freiheit der Camper beginnt dort, wo beim Auto der Kofferraum aufhört. Freiheit heisst, die Fahrt ab und zu für einen selbstgebrauten Bialetti-Kaffe vom Gas-Kocher zu unterbrechen oder Spaghetti auf einer Raststätte kochen. Freiheit heisst auch, die Sitzbank mittels zweier Handgriffe in ein Bett verwandeln zu können, in das man zu jeder Tages- oder Nachtzeit kriechen kann. Ein Camper ist möglicherweise die flexibelste Form eines Transportmittels, quasi der Spagat unter den ungelenken Wagen.

Sauberkeit

Werden Sauberkeit und Camping in einem Satz erwähnt, schütteln vermutlich viele unerfahrene Camper den Kopf. Massentoiletten, die von jedem benutzt werden, und Duschen, auf deren Boden die schwarzen Haare Wildfremder kleben, sind doch nicht sauber? Punkt für euch, ihr Camping-Jungfrauen. Die Sauberkeit auf Campingplätzen kann schon mal zu wünschen übrig lassen, aber bei Weitem nicht immer. Mit Sauberkeit meine ich das, was innerhalb der vier Blechwände passiert. Ich weiss, dass nur ich in diesem Bett schlafe. Ich weiss, dass nur ich aus diesen Tellern esse und nur ich mich auf die gepolsterte Sitzbank setze. Wer im Hotelzimmer zuvor das Bett wärmte, bleibt einem verschwiegen.

Es ist ein schönes Gefühl, die nackten Beine auf einer Matratze zu wissen, auf der sich zuvor nicht ein betrunkener Geschäftsmann wegen zu vieler Martinis erbrochen hatte.

Das eigene Bett stets dabei zu haben, das ist ein schönes Gefühl. (Bild: iStock)

Das eigene Bett stets dabei zu haben, ist ein schönes Gefühl. (Bild: iStock)

Bescheidenheit

Es sind einfache Ferien in einem Camper. Platz für den gesamten Kleiderschrank gibt es nicht. Viele Gelegenheiten, goldene Paillettenkleider oder bronzefarbene Clutches zu tragen, gibt es nicht. Oft setzen sich die Camper in Trainerhosen oder Sommerröckchen auf den roten, stoffigen Interdiscount-Campingstuhl und geniessen ein Stück Fleisch vom Grill. Die Einschränkung durch den Platz setzen einen minimalistischen Lebensstil voraus. In den Campingferien lernt man, welche Dinge zum Leben wirklich notwendig sind. Und ihr werdet schnell herausfinden, dass ihr so viele Gegenstände besitzt, die ihr eigentlich nicht bräuchtet.

Entspannung

Campen ist auch Entschleunigung. Keine mühsamen Check-In-Prozeduren, kein stundenlanges Warten auf Busse, Flugzeuge, Taxis oder Uber-Fahrer, keine Hotel-Reservationen, die noch gecancelt werden und kein ständiges Suchen nach passenden Unterkünften. Das Fahrzeug, das Haus und das Restaurant hat man immer im Handgepäck dabei. Sehr oft befinden sich Campingplätze ausserdem irgendwo in der Natur. Kinder können sich austoben, während die Eltern im Liegestuhl die Bäuche bräunen.

Das beliebteste Camping-Ziel in der Schweiz ist die Genferseeregion. (Bild: Camping.Info)

Das beliebteste Camping-Ziel in der Schweiz ist die Genferseeregion. (Bild: Camping.Info)

Liebe

Mit dem Campen ist es wie mit einem Flirt, der langsam zur Affäre und schliesslich zum Verlobten wird. Die erste Nacht kann ungewohnt sein, vielleicht etwas hart, unbequem und verwirrend. Oft weiss man nach den ersten Nächten nicht, wo einem der Kopf steht, wo man sich gerade befindet, und wo es einem als nächstes hinführt. Mit der Zeit wird das Fremde aber zur Heimat, die Härte wird zur Gewohnheit, die Geborgenheit, die ein Bus bietet, wird zur Sucht und schliesslich zur Liebe. Man fängt an, die Enge zu lieben und Freude an der Überschaubarkeit dieser rund zehn Quadratmeter zu haben.

Man muss das Reisen im Wohnmobil mögen. Alles ist sehr eng.

Man muss das Reisen im Wohnmobil mögen. Alles ist sehr eng. (Bild: iStock)

Darum: Sagt «Ja» zum Campen, lasst euch in diese Beziehung ein und geniesst den Wind in den Haaren – oder das Kreuzwort-Rätsel lösen mit dem benachbarten deutschen Pensionisten-Paar.

(abl)


Newsletter abonnieren
2Kommentare
noch 500 Zeichen

HTML-Version von diesem Artikel