«Schauspielhaus Zürich 2009-2019»: 10 Jahre Barbara Frey

Zum Ende der Intendanz Barbara Frey publiziert das Schauspielhaus Zürich im April 2019 das Buch "Schauspielhaus Zürich 2009-2019".
Zum Ende der Intendanz Barbara Frey publiziert das Schauspielhaus Zürich im April 2019 das Buch "Schauspielhaus Zürich 2009-2019". © Schauspielhaus Zürich
Im Sommer endet am Schauspielhaus Zürich die Intendanz von Barbara Frey. Mit dem Text- und Fotobuch «Schauspielhaus Zürich 2009-2019» lässt das Theater Freys Spielzeiten Revue passieren. Aus verschiedenen Perspektiven wird ihr Theaterkonzept diskutiert.

Die einleitenden Worte hat der Schriftsteller Lukas Bärfuss geschrieben. Er debattierte auf der Bühne zu kulturpolitischen Themen und war von 2009 bis 2013 auch Dramaturg am Schauspielhaus Zürich, das vier seiner Stücke uraufgeführt hat.

Entsprechend eng ist er mit dem Theater und Barbara Frey verbunden. Und nun das Ende. “Abschied?”, fragt Bärfuss. Davon hat er die Nase voll. «Lasst uns aufhören, Abschied zu nehmen. Ich bin es überdrüssig.» Wütend, kunstvoll das entschlossene Auseinandergehen fordernd, kommt seine Rede daher. «Sagt nicht Adieu. Ruft ein Willkommen!» – Und doch schwingt in seinen Worten Trauer mit.

Was im Buch folgt, sind die Spielzeiten in ihrer Chronologie: zuerst Szenenfotos der Inszenierungen, dann Texte. Barbara Freys erste Spielzeit 2009/2010 wird begleitet von einem Gespräch, das stellvertretender Intendant Andreas Karlaganis mit Frey, der Literaturkritikerin Beatrice von Matt und dem Literaturwissenschaftler Peter von Matt geführt hat. Thema: Sinn und Zweck, Klassiker zu spielen.

Dazu sagt Peter von Matt: «Shakespeare ist so gegenwärtig wie das Matterhorn.» Und Barbara Frey: «Wenn wir uns nicht mit Vergangenem anreichern, verstehen wir auch nicht, was wir heute machen.»

Im Gespräch treten Neugier und Offenheit zutage, die für Frey auch als Regisseurin kennzeichnend sind. Ebenso Unsicherheit und Selbstbefragung. Künstler wüssten manchmal selber nicht genau, was sie machten, betont sie. «Und sie thematisieren das auch.»

Entscheidend ist für Frey zudem der Dialog über das Theater hinaus. «Das Theater hat in den vergangenen Jahrzehnten viel von anderen Künsten gelernt und hat auch gemerkt, dass es die Fenster und Türen aufmachen muss, um nicht zu verstauben.»

Was Frey, wenn sie Regie führt, immer konsequent vermeidet, ist Firlefanz, aufgesetzte Action. Sie vertraut dem Sound der Stücke und dem Ensemble. «Theater ist etwas Sprachbetontes, weil Sprache auch etwas Körperliches, Sinnliches und Musikalisches ist.»

Die Musik hat in ihrem Theater denn auch immer eine wichtige Rolle gespielt. Frey, 1963 in Basel geboren, spielte als Schlagzeugerin in verschiedenen Bands. Im Verzeichnis am Schluss des Buches, das sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von den Verwaltungsräten bis zu den Leuten des Reinigungsdienstes aufführt, finden sich rund 240 Musikerinnen und Musiker, Sänger und Sängerinnen.

Überhaupt der Teamgeist: vorbildlich. Dazu äussert sich Markus Scheumann, seit 2009 Mitglied des Ensembles. «Die Spieler, die hier waren, durften Schauspieler sein und sich auch so nennen.» Dies sei die eigentliche Erfolgsgeschichte des Zürcher Schauspielhauses.

Respekt, Vertrauen: Barbara Frey habe geschaut, dass das Ensemble nicht in eine Ansammlung von Individualisten zerfallen, sondern ein spielendes Team geblieben sei, schreibt Scheumann. Und sie habe Regisseurinnen und Regisseure ans Haus geholt, die sich, so unterschiedlich sie auch gewesen seien, gerne auf das Ensemble eingelassen hätten. «Jedenfalls sind die allermeisten wiedergekommen.»

Damit hat Frey das umgesetzt, was sie nach ihrer Wahl in Aussicht gestellt hatte. Sie verstehe sich als Gastgeberin, die verschiedenste Regisseure mit ihren Visionen und Konzepten zusammenbringe, sagte sie. Im Theater herrsche sehr viel Egomanie. Es gelte, Leute zusammenzuführen, die sonst nie zueinander fänden.

Zu Wort kommen im Buch auch ein Kritiker, Bühnenbildner und -bildnerinnen, weitere Ensemblemitglieder und Petra Fischer, die Leiterin des Jungen Schauspielhauses, das erfolgreich spielt und mit den Zürcher Schulen kooperiert.

Und schliesslich Bice Curiger, die über Freys «Probenarbeit in möglichst abgeschirmter Ruhe» nachdenkt. Curiger kommt von der Bildenden Kunst her und entdeckt Gemeinsames: «Man stellt sich die Arbeit als das Eliminieren von unpassendem Ballast vor, von Geschwätzigem aller Art, was vergleichbar ist mit dem Wegschneiden im bildhauerischen Sinne, damit umso plastischer das Bild entstehe.»

Das Buch «Schauspielhaus Zürich 2009-2019» ist beim Berliner Verlag Theater der Zeit erschienen (2019). Im Buchhandel kostet es 45 Franken, beim Schauspielhaus 25 Franken.

Verfasser: Karl Wüst, ch-intercultur

(SDA)


Newsletter abonnieren
0Kommentare
noch 500 Zeichen