10-Jährige tragen noch Windeln

Leila Akbarzada, 5. Juli 2017, 08:51 Uhr
Ein Baby wird gewickelt: Laut Experten eigentlich gar nicht nötig. (Symbolbild)
Ein Baby wird gewickelt: Laut Experten eigentlich gar nicht nötig. (Symbolbild)
© KEYSTONE/Ennio Leanza
Laut Experten tragen Kinder immer länger Windeln, dies sogar bis ins Schulalter. Skurril: Einen Grund dafür sehen sie in der guten Qualität der Windeln.

Man stelle sich vor: Kinder sind im Schullager und einige von ihnen tragen Windeln. Wer diese wechselt, ob das die Kinder sogar selber machen, sei in diesem Moment dahingestellt. Was absurd klingt, kommt tatsächlich vor und offenbar immer häufiger. «Ich habe in letzter Zeit viele sehr krasse Fälle in meiner Praxis behandelt: Einen Elfjährigen, der sogar sein grosses Geschäft in der Windel verrichten muss, und einen 14-Jährigen, der immer noch nicht trocken ist», sagt die Therapeutin Rita Messmer gegenüber «20 Minuten».  Sie wisse von einer Klasse, in der drei Zehnjährige mit Windeln ins Klassenlager gegangen seien.

Sind die guten Windeln Schuld?

Auch der Kinder- und Jugendpsychologe Ulrich Fischer beobachtet diese Tendenz, wie er im Interview «20 Minuten» erklärt. Er sieht einen Grund dafür in der guten Beschaffenheit der heutigen Windeln. «Früher, als es nur Stoffwindeln gab, wollten die Eltern die Kinder möglichst schnell ans Töpfchen gewöhnen, um die Windeln nicht mehr waschen zu müssen. Heute ist es hingegen einfacher, weiterhin Windeln zu verwenden, als den Kindern den eigenständigen Gang aufs WC beizubringen.»

Je schneller «windelfrei», desto besser

Deshalb fordert er, dass man nicht aus Bequemlichkeit die Kinder allzu lange Windeln tragen lässt.  «Für junge Kinder ist es ein wichtiger Autonomieschritt, der positiv erlebt wird.»

Doch die Windeln seien immer saugfähiger und darum fehle das unangenehme Gefühl, in den eigenen Exkrementen zu sitzen. So sei der Anreiz weniger stark, sich aufs Töpfchen zu bewegen.

Rita Messmer geht gar davon aus, dass das Problem noch schlimmer wird. «Es gibt immer mehr Windeln für grössere Kinder im Detailhandel und Verkäuferinnen sagen mir, die gehen weg wie warme Weggli.» Sie findet es daher sinnvoll, schon Säuglinge aufs Töpfchen zu setzen und sie so lange festzuhalten, bis sie ihr Geschäft erledigt haben.

Aufs Töpfchen schon in den ersten Wochen

«Das kann man ab dem ersten Tag nach der Geburt machen, denn die Säuglinge befinden sich in einer sensiblen Phase.» Muss ein Baby mal, gebe es ganz klare Signale ab. «Sie strampeln und schreien oder laufen rot an.» Auf diese Weise seien Babys von Geburt an fähig, ohne Windeln zu leben. «In anderen Kulturen tragen die Kinder auch keine Windeln, und es funktioniert.»

Leila Akbarzada
Quelle: red.
veröffentlicht: 5. Juli 2017 08:51
aktualisiert: 5. Juli 2017 08:51