Invalidenversicherung

Arbeitsausfälle erreichen in der Schweiz ein Rekordhoch

4. Dezember 2022, 14:15 Uhr
Die Fälle von Arbeitsunfähigkeit wegen einer psychischen Erkrankung haben um 20 Prozent zugenommen. Besonders betroffen sind junge Menschen. Ein Vertreter eines Risikoversicherers warnt vor einer neuen Welle von Rentnern in der Invalidenversicherung.
Posttraumatische Belastungsstörungen, Anpassungsstörungen, das Fatigue-Syndrom oder das Post-Covid-Syndrom sind unter anderem Gründe für Arbeitsausfälle.
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In der Schweizer Wirtschaft haben die Arbeitsausfälle wegen psychischer Erkrankungen ein Rekordhoch erreicht. Laut Fachleuten beträgt die Zunahme um die 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das sagte Andreas Heimer vom Risikoversicherer PK Rück gegenüber der «NZZ am Sonntag». Die Auswertung basiert auf Daten von rund 250'000 Angestellten aus 6000 Unternehmen.

Dass es sich nur um einen Nachholeffekt nach der Covid-Pandemie handle, könne er ausschliessen, sagt Heimer. Stattdessen erklärt er die Zunahme mit einem strukturellen Trend. Die erfassten Fälle seien zudem gravierend. Im Schnitt betrage die Dauer der Absenz elf Monate.

Neue Krankheitsbilder seien auf Vormarsch

Beunruhigend sind für Heimer auch die neuen Krankheitsbilder, die immer mehr auf dem Vormarsch seien wie posttraumatische Belastungsstörungen, Anpassungsstörungen, das Fatigue-Syndrom oder das Post-Covid-Syndrom. Oft gibt es laut Heimer für diese neuartigen Beschwerden keine klare therapeutische Entscheidung. Stattdessen bestehe ein grosser Spielraum bei der Interpretation.

Die Krankenkasse Swica als grösster Anbieter von Taggeldversicherungen bestätigt den Trend. Demnach sind die Fallzahlen im Bereich psychiatrische Erkrankungen in diesem Jahr um 15 Prozent gestiegen.

Zahl der Neurentner bei 18- bis 24-Jährigen viermal so hoch 

Andreas Heimer warnt vor einer neuen Welle von Rentnern in der Invalidenversicherung. Bereits im letzten Jahr nahm die Zahl der Neurentner in der IV um 16 Prozent zu. Jeder zweite Fall ist dabei psychisch bedingt.

Dramatisch ist die Zunahme laut der Zeitung bei den Jungen mit einem Anteil von bereits 70 Prozent. Bei den 18- bis 24-Jährigen ist die Zahl der Neurentner mit einem psychischen Leiden viermal so hoch wie vor 25 Jahren.

Jede zweite Arbeitsunfähigkeit aus psychischen Gründen führt laut Studien zur Kündigung. Klappt es nicht mit einer neuen Stelle, so landen diese Fälle spätestens nach zwei Jahren bei der Invalidenversicherung. Um dies zu verhindern, brauchten die Betroffenen Unterstützung, sagt Heimer. Die Unterstützung sei häufig aber ungenügend. «Als Case Manager rechnen wir für ein Integrations-Coaching mit einem Budget von 8000 bis 15'000 Franken. Dagegen kostet eine IV-Rente ein Vielfaches ­davon – im Schnitt sind es 460'000 Franken.»

(sda/bza)

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 4. Dezember 2022 13:57
aktualisiert: 4. Dezember 2022 14:15