Arbeitsmarkt

Arbeitslosenquote so tief wie seit 20 Jahren nicht – wo sind die Leute hin?

7. Juli 2022, 10:28 Uhr
In der Schweiz ist die Arbeitslosigkeit weiter zurückgegangen: Ende Juni waren bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) noch 92'511 Menschen als arbeitslos gemeldet. Das sind 5493 weniger als im Mai. Gleichzeitig klagen vielen Branchen, keine Arbeitskräfte zu finden. Was sind die Gründe für den Mangel?

Die Arbeitslosenquote fiel auf 2,0 von 2,1 Prozent und lag saisonbereinigt, also unter Ausklammerung saisonaler Faktoren, zum Vormonat unverändert bei 2,2 Prozent, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Donnerstag mitteilte. Damit hatten Ökonomen gerechnet: Sie prognostizierten zur Arbeitslosenquote Werte zwischen 2,0 und 2,1 Prozent und rechneten saisonbereinigt unisono mit 2,2 Prozent.

Die Arbeitsmarktlage hat sich innert Jahresfrist stetig verbessert: Waren vor einem Jahr noch rund 132'000 Personen als arbeitslos registriert, fiel der Wert bis Ende 2021 auf 122'000 zurück und unterschritt im Mai erstmals nach mehr als zweieinhalb Jahren die 100'000er-Marke. Die Arbeitslosenquote sank von 2,8 Prozent vor einem Jahr auf 2,6 Prozent Ende 2021. Eine Quote von unter 2 Prozent hatte die Schweiz zuletzt im November 2001 gesehen.

Weniger Stellensuchende

Das für Arbeitnehmende günstige Umfeld lässt sich auch an der Zahl der Stellensuchenden ablesen, die im Berichtsmonat Juni um 6512 auf 168'944 weiter zurückgegangen ist. Vor Jahresfrist hatten laut Seco-Statistik noch mehr als 225'000 Personen einen Job gesucht.

Die Zahl der bei den RAV als offen gemeldeten Stellen erhöhte sich derweil um 694 auf 71'742. Davon unterlagen 57'179 der Stellenmeldepflicht für Berufsarten mit einer Arbeitslosenquote von mindestens 5 Prozent. Dazu zählen mehrere Berufe in der Hotellerie und Gastronomie oder auch auf dem Bau.

Auch die mit Verzögerung gemeldeten Angaben zur Kurzarbeit verbessern sich laufend. Im April waren in der Schweiz nur noch 6867 Personen von Kurzarbeit betroffen. Das waren 15'200 Personen weniger als im März. Die Anzahl von Firmen in Kurzarbeit ging um 2313 Einheiten auf noch 1177 Betriebe zurück.

Wohin verschwinden die Arbeitskräfte?

Die Arbeitslosigkeit auf einem tiefen Stand und viele Branchen klagen, keine Arbeitskräfte für offene Stellen zu finden. Es scheint, als würden die Menschen einfach vom Arbeitsmarkt verschwinden. Was sind dir Gründe?

  • Schweizerinnen und Schweizer, die in Branchen arbeiteten, die von der Corona-Pandemie besonders hart getroffen wurden, haben in Bereiche gewechselt, die als krisensicherer gelten. Etwa die Dienstleistungsbranche oder die öffentliche Verwaltung. «Es gibt keine Zahlen, wo die Leute hin sind, aber wir vermuten, dass etliche in ihre angestammten Bereiche zurückgegangen sind», wird Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, von «20 Minuten» zitiert.
  • Innerhalb der nächsten zehn Jahre geht eine Million Menschen in Rente. In der gleichen Zeit rücken nur 500'000 Erwerbstätige nach, schreibt der «Blick». Seit 2019 verlassen mehr Erwerbstätige den Arbeitsmarkt, als neue eintreten.
  • Es wandern zwar immer noch mehr Leute in die Schweiz ein als aus, doch die Differenz schrumpft. Viele Italiener oder Portugiesen ziehen nach der Pensionierung in die alte Heimat zurück, um dort ihren Ruhestand zu geniessen. Manche nehmen dabei die nächste Generation gleich mit.
  • Die Schweiz hat für Arbeitnehmende aus dem Ausland an Attraktivität verloren. Attraktive Arbeitgeber wie Tesla, Zalando oder IT-Firmen hätten sich an anderen Standorten angesiedelt. Junge Mitarbeitende aus Polen und Ungarn zögen so eher nach Berlin statt nach Zürich. Dazu tragen auch die hohen Lebenshaltungskosten in der Schweiz bei.
  • Die Schweizer Wirtschaft läuft immer noch rund. Die Erholung nach dem Schock der Pandemie ist im vollen Gange. Die Nachholeffekte zeigen sich etwa in der Reisebranche, wo besonders Personal gefragt ist.
  • Studierende arbeiten wegen Homeoffice und zusätzlicher Arbeitsbelastung durchs Studium nicht mehr so oft in Nebenjobs wie früher. Andere nutzen das Fernstudium für einen Auslandsaufenthalt.

(sda/osc)

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 7. Juli 2022 09:37
aktualisiert: 7. Juli 2022 10:28
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