Coronavirus - Schweiz

Auch im Inselspital Bern ist die Lage prekär - Personal «zermürbt»

16. Dezember 2020, 14:40 Uhr
Stephan Jakob, Klinikdirektor und Chefarzt Universitätsklinik für Intensivmedizin der Insel Gruppe, am Mittwoch im Gespräch mit Medien.
© KEYSTONE/PETER SCHNEIDER
Im Berner Inselspital sind 90 Prozent der Kapazitäten auf der Intensivstation ausgeschöpft. Ärzte und Pflegepersonal blicken deshalb mit grosser Sorge auf ansteigende Covid-Ansteckungszahlen.

«Es würde uns nachhaltig treffen, wenn die Ansteckungszahlen weiter steigen», sagte Stephan Jakob, Chefarzt für Intensivmedizin der Insel-Gruppe am Mittwoch bei einem Mediengespräch zur Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die Intensivstationen spüren die Zunahme jeweils mit einer Zeitverzögerung von zwei bis drei Wochen.

Doch bereits jetzt ist die Situation laut Jakob fragil. «Wir haben zusätzlich 16 Beatmungsgeräte in Betrieb genommen und dies auf Abteilungen, auf denen normalerweise keine Intensivpatienten liegen.» Mit diesen Zusatzbetten sind 90 Prozent der entsprechenden Kapazitäten ausgeschöpft.

Das sei derzeit noch gerade zu bewältigen, sagte der Klinikdirektor. Doch wenn jetzt zu steigenden Covid-Fällen noch Sportunfälle dazu kämen, «dann wird es sehr knapp». Bei 70 Prozent der Insel-Eintritte handle es sich um Notfälle - «darunter sind jetzt schon die ersten Skiunfälle.»

Jakob weist dabei auf das grosse Einzugsgebiet des Berner Universitätsspitals hin - Patienten kommen auch aus den Kantonen Freiburg, Solothurn, Neuenburg sowie aus dem Oberwallis ins Berner Universitätsspital.

Mehr Patienten pro Pflegende

Am Anschlag ist auch das Pflegepersonal. Normalerweise kümmert sich in der Intensivpflegestation eine Pflegefachperson um einen Patienten. Doch statt 1:1 lautet das Verhältnis nun 1:4. Eine Pflegende muss sich um bis zu vier schwerkranke Patientinnen und Patienten kümmern.

Zwar wird das Personal von Hilfskräften unterstützt. Doch diese müssten angelernt und begleitet werden. «Das ist eine grosse Belastung», sagt Jakob. Die Fachärzte ihrerseits arbeiten im Zwei-Schichten-Turnus mit je 13,5 Stunden pro Tag - und das seit drei bis vier Monaten.

«Jeder zusätzliche Patient fordert dieses System weiter heraus», stellt der Intensivmediziner fest. «Wir haben heute im Vergleich zum Frühjahr bei den Covid-Patienten eine doppelt so hohe Mortalität». Dies habe verschiedene Ursachen, «aber wir können nicht ausschliessen, dass die Qualität schlechter ist, weil weniger ausgebildetes Personal für den Patienten da ist.»

Für Jakob ist deshalb klar, dass es bei den Corona-Massnahmen «massive Verschärfungen» braucht, so wie sie die wissenschaftliche Task Force des Bundes am Dienstag eingefordert hat.

15 Prozent des Personals fällt aus

Petra Fuchs, Leiterin Pflege im Notfallzentrum, spricht im Gespräch mit Keystone-SDA von einem «guten Teamgeist» beim Personal. «Aber ich merke, dass die Leute langsam zermürbt sind.» 15 Prozent des Personals sind ausgefallen - sei es, weil sie selber erkrankt, sich in Quarantäne befinden oder aus anderen Gründen ausfallen.

Das sei eine grosse Zahl, sagt Fuchs, «denn im Stellenplan haben wir keine Reserven.» Ausfälle müssen vom Rest des Teams getragen werden. Für die Feiertage hat Fuchs sicherheitshalber eine Person zusätzlich eingeplant, damit Personalausfälle kompensiert werden können.

Denn gerade an Weihnachten und Neujahr, wenn die meisten Arztpraxen schliessen, ist der Andrang im Notfall des Inselspitals besonders gross. «Wir haben eine Aufnahmepflicht und können niemanden abweisen.»

Fuchs' grösste Sorge ist nebst Personalknappheit deshalb der Bettenmangel. «Es fahren Ambulanzen und wir müssen für alle Patienten ein Bett finden.» Sie hofft und zählt darauf, dass jeder einzelne Bürger während der Festtage verantwortlich handelt und auch im privaten Kreis die Schutzmassnahmen einhält.

Quelle: sda
veröffentlicht: 16. Dezember 2020 13:45
aktualisiert: 16. Dezember 2020 14:40