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Kerzenproduzenten

Bald keine Kerzen mehr? Paraffinmangel führt Produktion in Not

Angela Müller, 1. Dezember 2021, 07:26 Uhr
Es weihnachtet und in dieser Zeit haben Kerzen Hochkonjunktur, doch der Rohstoff Paraffin wird zunehmend zur Mangelware. Dies bringt den grössten Schweizer Kerzenhersteller Balthasar in Bedrängnis, der Rückgang der Produktionsmenge beträgt dieses Jahr 10 Prozent. Kleinere Firmen wie Hongler im Rheintal sind weniger betroffen.
Kerzen sorgen für eine angenehme Stimmung und sind besonders zur Weihnachtszeit gefragt.
© GettyImages

Es gibt sie praktisch überall auf der vorweihnachtlichen Shopping-Tour zu kaufen: goldene, dunkelrote, rosa oder weisse Kerzen in den verschiedensten Formen. Doch der vermeintliche Überfluss täuscht – Kerzen werden zunehmend teurer und könnten bald Mangelware werden. Der Rohstoff Paraffin, mit dem Kerzen hergestellt werden, ist derzeit für Kerzenproduzenten schwierig zu organisieren und wird auch zunehmend teurer.

«Seit 20 Jahren arbeite ich in dieser Branche, aber so etwas habe ich noch nie erlebt», sagt Hanspeter Grosjean, Geschäftsleitungsmitglied der Balthasar Group. Die Firma ist der grösste Kerzenproduzent der Schweiz, sie betreibt Produktionsstätten in Hochdorf bei Luzern und in verschiedenen europäischen Ländern.

Balthasar kann keine Neukunden mehr berücksichtigen

In diesem Jahr hat Balthasar Group 120 Millionen Kerzen im In- und Ausland in den Handel gebracht. 20 Millionen Kerzen wurden in Hochdorf produziert. Doch diese Zahlen bedeuten einen Einbruch gegenüber der Vorjahresperiode um rund 10 Prozent. Grund ist der Paraffinmangel. «Seit der Covid-Pandemie ist die gesamte Kerzenverarbeitungs-Industrie betroffen – weltweit», sagt Grosjean. «Neukunden können wir keine mehr annehmen. Wir sind froh, wenn wir zumindest unsere angestammten Kunden beliefern können.» Dazu gehören unter anderem auch die beiden Detailhändler Coop und Migros.

In den meisten Haushalten in der Schweiz dürften an Weihnachten Kerzen aus Hochdorf Luzern von Balthasar stehen. Die Firma ist der grösste Kerzenproduzent in der Schweiz.

© zVg

Paraffin entsteht als Nebenprodukt bei der Erdölverarbeitung. Seit der Pandemie ist aber die Mobilität weltweit stark eingebrochen. Weniger Flugreisen, weniger Autoreisen bedeuten einen massiv geringeren Bedarf an Kerosin, Benzin und Diesel. Die Raffinerien weltweit haben ihre Arbeit stark gedrosselt und die Produktion von Paraffin ist eingebrochen.

Transport mit Containerschiffen ist teuer und unzuverlässig

Nicht nur das, auch der Transport mit Containerschiffen ist seit der Covid-Pandemie sowohl unzuverlässiger als auch wesentlich teurer geworden. Dies führt weltweit einerseits zu Rohstoffmangel in den Industrien und zu Lieferschwierigkeiten im Detailhandel. Dies betrifft in der Schweiz seit Monaten Haushaltsartikel und seit kurzem fehlen im Schweizer Detailhandel auch zunehmend Lebensmitteln aus Asien und Übersee.

«Zurzeit kostet Paraffin im Einkauf 70 Prozent mehr als vor der Pandemie», sagt Grosjean. Der Paraffinhandel hat sich stark verändert, konnten die Grosskunden vor Corona das Paraffin einfach bestellen, so müssen sie derzeit bei Auktionen mitbieten. «Auch dies treibt den Preis zusätzlich in die Höhe.» Dies alles ist inzwischen auch bei den Kundinnen und Kunden angekommen: Kerzen sind teurer geworden.

Seit der Pandemie gibt es Lieferverzögerungen beim Transport mit Containerschiffen. 

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Kerzen sind seit Sommer 2021 teurer geworden

«Wir können jedoch nicht die gesamte Verteuerung an die Kundschaft weitergeben», sagt Grosjean. «Im Moment kommt gerade alles zusammen, und mittelfristig ist keine Verbesserung in Sicht». Die grösste Schweizer Kerzenproduzentin gehört nicht zu den Gewinnern der Pandemie. «Insgesamt ist es für uns gerade eine schlimme Zeit», sagt Grosjean.

Die aktuellen Lieferschwierigkeiten von Paraffin und die zunehmende Nachfrage nach nachhaltigen Produkten führt logischerweise zur Suche nach Alternativen. So hat Balthasar Kerzen zahlreiche nachhaltige Kerzen aus nachwachsenden Naturprodukten oder Recyclingstoffen im Angebot. Doch auch diese sind für das Unternehmen zumindest kurzfristig nicht die Lösung des Problems. «Auch diese Rohstoffe kommen vornehmlich aus Asien und wurden gleichzeitig mit Paraffin teurer.»

Hongler Kerzen leidet weniger unter Paraffinmangel

Während dem grössten Schweizer Kerzenproduzenten die Coronapandemie stark zu schaffen macht, sind die Kleineren weniger betroffen. Hongler Kerzen in Altstätten produziert in der eigenen Fabrik wesentlich weniger Kerzen, aber immerhin rund 200 Tonnen pro Jahr. «Wir brauchen keine riesigen Mengen Paraffin und können mit einer Paraffin-Lieferung längere Zeit arbeiten», sagt Cyril Egger, Geschäftsleiter von Hongler Kerzen.

Kerzen aus Oliven und Bienenwachs sind eine Alternative

Auch seine Firma setzt vermehrt auf Alternativen zu Paraffin. «Wir bieten in unserem Geschäft zum Beispiel neu Kerzen aus Olivenwachs an», sagt Egger. Der Rohstoff wird aus der zweiten Pressung von Oliven gewonnen. «Hier gehen keine Lebensmittel verloren», betont Egger. Auch Kerzen aus Bienenwachs gelten als nachhaltig und werden von Hongler hergestellt. Egger geht aber davon aus, dass weiterhin Kerzen zum grössten Teil aus Paraffin bestehen werden. «Den Kerzenproduzenten fehlen schlicht und einfach alternative Rohstoffe in genügender Menge.»

Kerzen aus dem Rohstoff Olivenöl und Kräutern aus dem Allgäu. Auch Hongler Kerzen produziert Kerzen aus nachhaltigen Produkten.

© zVg

Zukunft der Kerzenproduktion hängt vom Verlauf der Pandemie ab

Klar ist, die Nachfrage nach freundlichem Kerzenlicht hat während der Pandemie zugenommen. Die Menschen halten sich gezwungenermassen viel zu Hause auf und legen grösseren Wert auf die Einrichtungen und die Ambiance. Während in den Privathaushalten der Kerzenbedarf gewachsen ist, sank er gleichzeitig in der Gastronomie aufgrund der Shutdowns.

Ob wir nächste Weihnachten höhere Preise für unsere Weihnachtsbaumkerzen zahlen müssen und ob diese im schlimmsten Fall sogar schwieriger zu besorgen werden, hängt wie so vieles mit dem künftigen Verlauf der Pandemie zusammen.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 1. Dezember 2021 06:18
aktualisiert: 1. Dezember 2021 07:26