Anzeige
Coronavirus

Basler Kantonsarzt Thomas Steffen: «Hätten es besser machen können»

30. Dezember 2021, 14:09 Uhr
Der abtretende Basler Kantonsarzt Thomas Steffen hält eine weitere Verschärfung der Corona-Massnahmen für unausweichlich. Die Omikron-Variante lasse keine andere Wahl, sagt Steffen, der auch im Vorstand der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte sitzt.
Thomas Steffen, Basler Kantonsarzt und Vorstandsmitglied der Vereinigung der Kantonsärtzinnen und Kantonsärzte tritt am 6. Januar 2022 ab.
© KEYSTONE/ANTHONY ANEX

Thomas Steffen geht mit fast 61 Jahren frühzeitig in Pension. Am 6. Januar 2022 hat er seinen letzten Arbeitstag und widmet sich danach eigenen Projekten. Er gehe angesichts der aktuellen Lage mit einem beunruhigenden Gefühl, sagte Steffen im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Als er sich letzten März zu diesem Schritt entschieden habe, sei er davon ausgegangen, dass die Pandemie im Januar grösstenteils vorbei sein werde. «Wie so oft bei Pandemien kommt es anders. Wir stehen in den nächsten Wochen vor einer grossen Herausforderung», sagte Steffen. Zugleich gebe es die Hoffnung, dass man mit der Omikron-Variante vielleicht in die endemische Phase der Pandemie komme.

Der seit 2011 amtierende Basler Kantonsarzt hält eine Verschärfung der Massnahmen für unausweichlich: «Man sollte darüber nachdenken, ob mittlere und grosse Veranstaltungen wirklich noch in dieser Form erlaubt sein dürften.»

«Wir hätten es besser machen können»

Steffen findet, dass die Schweiz bis jetzt nicht schlecht durch die Pandemie gekommen sei. «Dennoch bin ich der Meinung, dass wir es hätten besser machen können.»

Teilweise sei es dem Bund, den Kantonen und den Fachleuten nicht gelungen, den nötigen Konsens hinzubekommen. «Ich bin ein absoluter Befürworter unseres föderalistischen Systems. Wenn man den Konsens aber immer wieder relativ kompliziert finden und über viele Instanzen gehen muss, dann verlangsamt das die nötigen Entscheide.» Zudem sehe die Bevölkerung keine klare Linie mehr.

Bei Pandemien besteht 50 Prozent der Arbeit aus Kommunikation, wie Steffen betonte. Man könne noch so viel verordnen und durchregeln wollen, aber die Bevölkerung müsse die beschlossenen Massnahmen auch verstehen und im Privaten anwenden wollen.

Keine Wut auf Ungeimpfte

Eine Wut auf Ungeimpfte hat Steffen, der seit 2003 für die Basler Verwaltung arbeitet, nie verspürt. «Ich bin mir nicht immer sicher, ob sie beispielsweise aufgrund der eigenen Lebenserfahrung oder aus Angst vor der Spritze überhaupt immer anders entscheiden könnten.»

Zudem wäre das Virus mit seinen Mutationen nicht weg gewesen, wenn die Bevölkerung zu 100 Prozent gegen Covid-19 geimpft gewesen wäre, auch wenn eine höhere Impfrate die Sache bedeutend leichter machen würde. «Das macht uns alle ein bisschen demütig.» Laut Steffen ist es wichtig, dass man den nun entstandenen Riss in der Gesellschaft aufarbeitet und nicht verdrängt.

Fehlende Zuständigkeiten

Für Thomas Steffen ist unumstritten, dass die Zuständigkeiten zwischen Kantone und Bund bei einer nächsten Krise klarer geregelt werden müssten. «Es braucht einen klar erkennbaren Führungsstab. Hier gilt es Ordnung in die Geschichte bringen.»

«Auch stellt sich die Frage, wie wir eine Kommunikation hinbekommen, die von Bund und Kantonen nachhaltig getragen wird. Da haben wir zeitweise das Ruder verloren.» Zum Beispiel sei es kontraproduktiv gewesen, dass Task-Force-Mitglieder Entscheide des Bundesrates auf den sozialen Medien heftig kritisierten, welche gleichzeitig von der Task-Force mitgetragen wurden. «Das versteht die Bevölkerung nicht.»

Steffen macht sich nun selbstständig - er hat eine Consulting-Firma im Gesundheits- und Sozialbereich gegründet. Er sei kein Mensch, der gut loslassen könne. Dennoch freue er sich auf seine Selbständigkeit und darauf, mehr Zeit für andere Sachen zu haben.

Quelle: sda
veröffentlicht: 30. Dezember 2021 14:09
aktualisiert: 30. Dezember 2021 14:09