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Erneuerbare Energien

Bund sieht Energiestrategie auf Kurs – aber auch neue Herausforderungen

26. November 2020, 13:32 Uhr
Die Schweiz rechnet damit, dieses Jahr die kurzfristigen Ausbauziele für erneuerbare Energien zu erreichen. Für die Zeit danach legt der Bund neue Modelle vor, wie das Ziel Netto-Null bis 2050 erreichbar ist.
Strom aus ausländischen Windkraftwerken – im Bild ein Park in der Ostsee – soll im Winter zur Überbrückung helfen. (Symbolbild)
© HO

Die Energiewende in der Schweiz ist auf Kurs. Zu diesem Schluss kommt das Bundesamt für Energie (BFE) in seinem dritten Monitoringbericht. Demnach sind die kurzfristigen Ziele zum Ausbau der erneuerbaren Energien und zur Steigerung der Energieeffizienz «in Griffweite oder bereits erreicht», schreibt das BFE am Donnerstag in einer Mitteilung. Allerdings zeigt der Bericht den Stand Ende letzten Jahres und damit noch vor Ausbruch der Coronapandemie.

«Wir sind auf Kurs, können uns aber nicht zurücklehnen», sagte BFE-Direktor Benoît Revaz an einem Mediengespräch. Konkret ist die Produktion von Strom aus erneuerbaren Quellen in den letzten neun Jahren auf 4186 Gigawattstunden (GWh) 2019 angestiegen. Ziel wären im laufenden Jahr 4200 GWh. Das nächste Ziel für 2035 liegt bei 11'400 GWh. Denn der Strombedarf wird weiterhin stark steigen, während dagegen der gesamthafte Pro-Kopf-Energieverbrauch dank weiteren Effizienzmassnahmen sinken soll. Zu diesem Schluss kommt das BFE in seinen gleichentags vorgestellten ersten Erkenntnissen aus den «Energieperspektiven 2050+».

«Technologien sind vorhanden oder in Entwicklung»

Fazit dieser Modellrechnungen: Die Schweiz kann ihre Energieversorgung bis in gut einem Vierteljahrhundert zwar klimaneutral umbauen. «Die dafür nötigen Technologien sind vorhanden oder in Entwicklung», schreibt das Bundesamt für Energie in seinen «Energieperspektiven 2050+». Insbesondere in den Bereichen Verkehr, Industrie und Haushalte – und dabei vorab bei den Immobilien – werde der Energieverbrauch jedoch hoch bleiben.

Laut dem stellvertretenden Direktor des BFE, Pascal Previdoli, sind die regelmässig aktualisierten «Energieperspektiven» zwar «keine Kristallkugeln». Sie zeigen aber mögliche Entwicklungen auf und dienen als Grundlage für politische Debatten. Demnach braucht es, um das vom Bundesrat vorgegebene Klimaziel Netto-Null bis im Jahr 2050 zu erreichen, vor allem einen Ausbau der Energiekapazitäten im Winter und neue Energiereserven als Sicherung für Unvorhergesehenes.

Ersteres will das BFE ab 2035 vorab mit einem grösseren Zubau der Photovoltaik als bisher erreichen. Als «zu gemächlich» kritisiert diesen Zeitplan die Schweizerische Energiestiftung in einer Stellungnahme vom Donnerstag zu den «Energieperspektiven 2050+». Es brauche nun «mehr Tempo» beim Ausbau der Photovoltaik in der Schweiz weil im nahen Ausland etwa gleichzeitig ein Mehrbedarf an Strom herrschen werde.

Was das Netto-Null-Ziel zusätzlich kostet

Zur umstrittenen Frage, ob die bestehenden Atomkraftwerke in den Szenarien neu mit einer Laufzeit von 60 Jahren einberechnet werden, hielt sich das BFE am Donnerstag noch zurück. Es seien beide Varianten – also auch wie bisher mit 50 Jahren – durchgerechnet worden, hiess es. Sie sollen im Endbericht im kommenden Jahr näher ausgeführt werden. Klar sei aber jetzt schon, dass die Photovoltaik tendenziell im Sommer verwendet werde. Im Winter dagegen werde die Schweiz zu Spitzenzeiten auf importierten Windstrom setzen müssen.

Zudem nennen die «Energieperspektiven 2050+» auch Schätzungen zu den Kosten der weiteren Energiewende. Für die Erneuerung, Modernisierung und den Ersatz bestehender Energieinfrastrukturen sowie Gebäuden, Anlagen und Fahrzeugen rechnet das BFE in seinen aktuellsten Modellrechnungen mit Investitionen von 1400 Milliarden Franken. Soll auch das bundesrätliche Netto-Null-Ziel bis 2050 erreicht werden, kostet dies zusätzliche 109 Milliarden. Gleichzeitig brächten diese Investitionen aber auch Einsparungen von Energiekosten in der Höhe von 50 Milliarden.

Investitionen zahlen sich gleich doppelt aus

Allerdings zahlen sich diese zusätzlichen Investitionen laut BFE doppelt aus. «Erstens können so drohende Schäden in Milliardenhöhe reduziert werden», schreibt das BFE. Zweitens sinke damit die Abhängigkeit vom Ausland bei der Energieversorgung. Allein in den letzten zehn Jahren sind demnach für fossile Energien 80 Milliarden abgeflossen.

Die letzten «Energieperspektiven 2050» liess das BFE 2012 nach dem Reaktorunfall in Fukushima erarbeiten. Auf diesen Modellrechnungen basierend wurde in der folge die Energiestrategie 2050 und schliesslich das vor zwei Jahren in Kraft getretene Energiegesetz erarbeitet. Die jüngsten «Energieperspektiven 2050+» haben vier Firmen im Auftrag des BFE erarbeitet. Dies nachdem der Bundesrat vor gut einem Jahr die Klimaziele verschärft hat und für die Schweiz 2050 als Ziel Netto-Null Treibhausgasemissionen beschloss.

(sat)

Quelle: CH Media
veröffentlicht: 26. November 2020 12:33
aktualisiert: 26. November 2020 13:32