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20 Jahre Brand im Gotthardtunnel

«Das Ereignis lässt mich noch immer nicht kalt»

Martina Odermatt, 24. Oktober 2021, 21:50 Uhr
Vor 20 Jahren prallten im Gotthardtunnel zwei Lastwagen ineinander. Aufgrund der brennbaren Pneus, die geladen waren, brach innert Kürze ein Flammeninferno aus. Elf Personen kamen dabei ums Leben. 20 Jahre später kommen bei den damaligen Einsatzkräften die Bilder wieder hoch.
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Quelle: Tele 1

Mittwochmorgen, 24. Oktober 2001. Kurz nach 7 Uhr kommt Karl Egli ins Büro. Der Urner Polizist und Medienchef sichtet Journale. Es ist ein ganz normaler Morgen – noch. Um 9.44 Uhr geht bei der Urner Kantonspolizei ein Alarm ein: Grossbrand im Gotthardtunnel. Ein türkischer Lastwagenfahrer fährt in Schlangenlinien, streift rund einen Kilometer vor dem Südportal die Tunnelwand mehrere Male, bis er schliesslich in einen anderen Lastwagen prallt, der ihm entgegenkommt. Ein Kurzschluss in den Fahrzeugen lässt Funken sprühen, die geladenen Pneus in einem der Lastwagen fangen Feuer und lassen den Tunnel innert kürzester Zeit auf 1200 Grad aufheizen. Von aussen sieht man schwarze Rauchsäulen aus den Belüftungsschächten austreten. Drinnen lodert ein Flammeninferno.

Selbst CNN will wissen, was in der Schweiz passiert

In Uri und im Tessin wird das Standard-Prozedere ausgelöst: Strassen werden gesperrt, die Betriebsfeuerwehr rückt aus. In den umliegenden Spitälern bereitet man sich auf allfällige Brandopfer vor. «Feuer ist das Schrecklichste, was man sich im Tunnel vorstellen kann», sagt Karl Egli. Schnell häufen sich Journalisten-Anfragen beim damaligen Medienchef der Kantonspolizei. Selbst CNN will wissen, was da in der Schweiz gerade passiert. Karl Egli muss anfangen, erhärtete Informationen zu sammeln, um vor die Presse gehen zu können.

Parallel dazu macht sich Benno Bühlmann bereit. Er ist Einsatzleiter der Chemiewehr. Diese wird gerade von der Kantonspolizei Uri aufgeboten. Die Betriebsfeuerwehr war schon im Einsatz, aber es braucht härteres Geschütz. «Wenn die Chemiewehr aufgeboten wird, weiss man, es ist nicht harmlos. Wir kommen immer bei schwierigen Einsätzen», so Bühlmann. «Natürlich bereitet man sich auf solche Ereignisse vor. Aber es ist speziell, wenns dann so weit ist.»

Der Einsatzort ist ein Ofen

Bühlmann und seine Leute nehmen Wasserwerfer und einen mobilen Grossventilator mit und fahren von der Nordseite her zum Tunnelportal. Die Wasserwerfer und der Ventilator sollen mithelfen, die Brandstelle abzukühlen.

In Krisensituationen reagiert jeder etwas anders. Benno Bühlmann wird ganz ruhig. Er fährt soweit möglich in die Nähe der Unfallstelle und läuft dann im Sicherheitsstollen zur Unfallstelle. Bühlmann verschafft sich einen Überblick über die Lage, schaut, welche Massnahmen nötig sind, ob der Tunnel einstürzen könnte, ob noch andere Gefahren bestehen und wie man die sich im Einsatz befindlichen Feuerwehrleute unterstützen kann.

Der Einsatzort ist ein Ofen. Über 1200 Grad heiss ist der Tunnel. Das Atemschutzgerät in seinem Gesicht schützt ihn vor dem giftigen Rauch. Doch die Sicht ist getrübt. «Alles war schwarz und dunkel vom Russ. Je näher ich der Unfallstelle kam, umso wilder und chaotischer standen die Lastwagen und Autos herum. Die Leute haben sie einfach irgendwie stehen gelassen, als sie geflüchtet sind.» Bühlmanns Blick schweift zum Rand der Fahrbahn. «Anfangs dachte ich, da liegen Gegenstände. Dann sah ich, dass es Leute waren. Einer starb kurz vor der Fluchttüre», sagt Bühlmann später. «Das habe ich nicht erwartet. Man kann so etwas aber auch gar nicht erwarten.» Als Bühlmann mit seinem Team wieder aus dem Tunnel rauskommt, stehen da schon Dutzende Journalisten.

Der Medienverantwortliche der Polizei, Karl Egli, wird einige von ihnen später zur Unfallstelle führen. «Es war gespenstisch, ruhig und stank nach Rauch. Es war traurig und gleichzeitig ergreifend», erinnert er sich. Für die Angehörigen richtet er spontan eine Hotline ein, damit sie erfahren, ob ihre Liebsten unter den Opfern sind. Elf Menschen sind dem Flammeninferno zum Opfer gefallen, wird es später heissen. Zehn starben an einer Rauchvergiftung, eine Person ist verbrannt.

Care-Teams waren damals noch nicht selbstverständlich

20 Jahre liegt das nun zurück. Kalt lässt das Benno Bühlmann aber auch heute nicht. Besonders in der Nacht suchten ihn Bilder aus dem brennenden Tunnel heim. «Jetzt, wenn wieder darüber gesprochen wird, kommen die Bilder erneut hoch.» Was er im Tunnel gesehen hatte, beschäftigte den heute 62-Jährigen noch lange. Aber nicht nur ihn, alle Einsatzkräfte, die an der Front waren. «Das Einsatzteam hat den Brand im Nachgang zusammen mit einem Care-Team aufgearbeitet. Damals war das noch nicht so selbstverständlich wie heute», sagt Bühlmann. Und auch wenn ihn dieses Ereignis nicht mehr belastet: «Es sind Bilder, die man nicht mehr wegbringt.» Ein Stück weit prägen sie ihn noch heute: «Wenn ich in einen Tunnel fahre, achte ich direkt auf die Fluchtmöglichkeiten.» Und unter anderem diese hätten sich dank des Brandes in neuen und teilweise auch in bestehenden Tunnels verbessert. 

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 24. Oktober 2021 19:02
aktualisiert: 24. Oktober 2021 21:50