Wirtschaft

Der App-Entwickler der Nation: Dieser Mann steckt hinter der Corona-App

Frederic Härri, 2. Juli 2020, 20:24 Uhr
Wochen im «Ausnahmezustand» hat er hinter sich: Mathias Wellig, der Geschäftsführer der Softwarefirma Ubique, in der Aarauer Altstadt.
© Quelle: Britta Gut (2. Juli 2020
Seine App laden sich gerade Tausende von Menschen in der Schweiz herunter: Mathias Wellig ist Chef von Ubique, der Firma, die «Swisscovid» programmiert hat. Hinter dem Walliser liegen stressige zwei Monate.

Seit letzter Woche steht ­«Swisscovid» zum Download bereit. 150'000 Personen installierten die Corona-App am ersten Tag. Bei ­Erscheinen dieses Artikels dürfte die Marke von einer Million aktiven Nutzern geknackt sein. Wenn es so weit ist, wird es Mathias Wellig als Allererster erfahren. Der 33-Jährige hat es wieder einmal in unsere Smartphones geschafft.

Auf Meteo Schweiz checken wir, wie das Wetter wird, mit der SBB-App suchen wir die nächstbeste Zugverbindung. Nun also finden wir heraus, ob wir einer mit Corona infizierten Person zu nahe gekommen sind. «Wahrscheinlich hat jeder Schweizer eine unserer Apps auf dem Handy», sagt Wellig, Geschäftsführer von Ubique Innovation. ­Ubique, die App-Entwicklerin der Nation.

Welligs Team tüftelte schon im März an der App

Für die Mitarbeit an der ­Contact-Tracing-App fliessen 1,8 Millionen Franken auf das Konto der Zürcher Softwarefirma. Den Zuschlag vom Bund bekam Ubique Mitte Mai, getüftelt wurde schon zwei Monate davor. Als Covid-19 im Frühjahr die Welt erfasste, suchten Politiker und Wissenschafter fieberhaft nach Lösungen, um die Pandemie einzudämmen. Auf einmal war Contact-Tracing, das Nachverfolgen von Kontakten, das bestimmende Thema.

«Auch wir überlegten, wie wir helfen können», erzählt Mathias Wellig. Früh feilte ­Ubique an der Architektur einer App und weckte das Interesse der technischen Hochschulen aus Lausanne und Zürich. Aus Aufmerksamkeit wurde Zusammenarbeit, die beiden ETH und Ubique zu Partnern. Und Wellig bescherte es die stressigsten Wochen seines Lebens.

Knapp ein Jahr dauert es normalerweise, eine App zu programmieren. Swisscovid bauten Wellig und sein Team in rund 45 Tagen. «Wenn es schnell gehen muss, ist man pragmatischer», meint Wellig. Vom Homeoffice in Küttigen AG aus koordinierte der zweifache Familienvater das Projekt. Ein 13-Stunden-Tag reihte sich an den anderen, für Frau und Kinder blieb meist nur sonntags Zeit. «Ausnahmezustand», sagt Wellig.

Auch sein Leben hat sich gewandelt, zumindest vorübergehend. Wellig steht jetzt öfter im Fokus, gibt Interviews, nimmt im Presseraum in Bern neben Epidemiologen und Bundesbeamten Platz. Wellig findet es «speziell, aber auch cool».

Hört man Wellig zu, muss man gut aufpassen, was nicht nur an seinem Walliser Dialekt liegt. Er redet schnell, fast überhastet. So, als wollten die Worte seine Gedanken einholen, die längst enteilt sind. Anderen einen Schritt voraus war Wellig schon öfters. 2007 bestellte er sich, damals Informatikstudent in Zürich, ein iPhone der ersten Generation aus den USA. Das iPhone wurde anfangs belächelt, erinnert sich Wellig. Wie wolle man ein Handy ohne richtige Tasten denn bedienen können, so die Meinung der Puristen. «Für mich war aber klar, dass es sich durchsetzen wird.»

Fast eine Million Menschen in der Schweiz haben sich eine Woche nach der Lancierung die Corona-App heruntergeladen.
© Quelle: Keystone

Wellig begann zu programmieren, baute erste Apps. Die schier unendlichen Möglichkeiten faszinierten ihn. «Technik so zu vereinfachen, dass der Konsument sie gerne nutzt, trieb mich an», sagt Wellig. Aus seinem Talent machte Wellig ein Geschäft. Vor zehn Jahren gründete er mit zwei Freunden Ubique.

Für die ETH entwickelte das Unternehmen erste Applikationen, später kamen Aufträge des Zürcher Verkehrsbunds und der SBB hinzu. Heute darf Ubique auch das Unispital oder den Touring Club Schweiz zu ihren Kunden zählen. Mit der Schweizer Co­rona-App ist der vorläufige Höhepunkt erreicht.

Apple und Google geben den Nutzern zu denken

Doch je prestigeträchtiger ein Projekt, desto rascher mehren sich kritische Stimmen. Weil Google und Apple für die App eine Schnittstelle bereitstellen, befürchten einige Nutzer, dass sie überwacht werden. Gebetsmühlenartig betonte Wellig, dass die App weder auf den Standort noch auf persönliche Daten zugreifen könne. Auch dass Swisscovid nur auf neueren Betriebssystemen läuft, passt vielen nicht. Wellig nimmt die Reaktionen gelassen hin, denn auch Ubique muss sich den Entscheiden der Softwareriesen fügen. Es allen recht zu machen, sei ohnehin schwierig.

Aus Wellig spricht auch das Selbstverständnis von einem, der es weit gebracht hat. Einer, der nicht erst seit der Corona-­App einen heissen Draht zur Verwaltung unterhält. Hat ­Ubique nicht einen unfairen Vorteil, wenn künftig Bundesaufträge ausgeschrieben werden? Nein, findet Wellig. «Es ist ja nicht so, dass wir in Bern ein- und ausgehen.» Wellig verhehlt jedoch nicht, dass er um die Stärke des Ubique-Portfolios weiss. «Unsere Referenzen sind gut», sagt er.

Inzwischen arbeiten 40 ­Angestellte für Ubique, das Unternehmen wächst, aber nicht um jeden Preis. Ein Sprung ins Ausland ist nicht geplant. Auch grossspurige Ziele mag Wellig keine formulieren. «Wir wollen einfach weiterhin gute Produkte machen.» Vielleicht lässt Wellig bei der Frage nach den Ambitionen ja am besten den Firmennamen für sich sprechen. Ubique ist Lateinisch und ­bedeutet: überall.

Frederic Härri
Quelle: CH Media
veröffentlicht: 3. Juli 2020 05:00
aktualisiert: 2. Juli 2020 20:24