Die Welt braucht mehr Zugausfälle

Dario Cantieni, 26. März 2017, 12:38 Uhr
Durch Zugausfälle wie diese Woche in Luzern rücken Menschen zusammen, findet Dario Cantieni.
Durch Zugausfälle wie diese Woche in Luzern rücken Menschen zusammen, findet Dario Cantieni.
© KEYSTONE/Urs Flüeler
Bis Sonntag geht am Bahnhof Luzern gar nichts mehr. Nach der Entgleisung eines Zugs müssen tausende Pendler auf Ersatzbusse umsteigen. Super, findet FM1-Moderator Dario Cantieni, der die letzten Tage nach Luzern pendeln musste. Er freut sich über unbestimmte Verspätungen und überfüllte Busse.

Es ist Donnerstagabend und ich bin froh über die Zugausfälle am Bahnhof Luzern. Gäbe es doch nur mehr davon. Ich glaube gar, man könnte damit den Krieg beenden (wenn man beispielsweise anstatt Panzer Ersatzbusse verwenden würde). Aber das nur am Rande.

Es soll hier nämlich um das Gefühl gehen. Das Gefühl von Menschlichkeit, von Zusammenhalt, von Freiheit. Jawohl, wir sind frei. Davon gleich mehr. Im Moment tuckern wir durch die Innerschweizer Flora. Vorbei an Orten wie Wauwil oder Oftringen. Die tönen, als hätte eine Kindergartenlehrerin ihren Kindern aufgetragen, Dörfernamen zu erfinden. Und wie gesagt: Wir sind frei. Frei von Terminen, da wir keine Ahnung haben, wann wir denn nun wirklich ankommen. Frei von gesellschaftlichen Konventionen, da vor dem Zughelfer in Leuchtweste alle gleich sind. Vor allem aber sind wir frei vom Alltagstrott. Da ist nichts mit «no schnell id Migros e Diätjoghurt go posta und denn mit de Melanie zum Walking wia jede Donnstig». Alles, was es gibt, sind Lautsprecherdurchsagen, Verspätungen und Mitmenschen.

Das Pendeln hat nichts mehr gemeinsam mit dem normalen Rein-Raus im Schnellzug. Der Weg wird das Ziel, die mitreisenden Banker, Bauarbeiter, Betriebswirtschaftsstudenten das Universum. Wir freuen uns über das «uf Wiedergüggs» des Busfahrers, als wir endlich einen funktionierenden Bahnhof erreichen. Wir haben ein Gesprächsthema, das über das Wetter hinausgeht. «Wa füre Chaos», der eine. «Isch scho schlimmer gsi», ein anderer. Und wir sind uns einig: «I anderna Länder isch me froh, wenn überhaupt en Zug chunnt.» Die Maschine hat versagt, jetzt ist der Mensch am Zug… pardon: am Ersatzbus.

Eigentlich schade, dass schon am Montag die Züge wieder regelmässig fahren. Denn spätestens, wenn die Lautsprecherdurchsage mit «Ausstieg in Fahrtrichtung links» endet, wird man das «uf Wiedergüggs» vermissen. Und die Verbündeten werden wieder das, was sie eigentlich die ganze Zeit waren: Banker, Bauerarbeiter, Betriebswirtschaftsstudenten.

Auch Ostschweizer spüren den Luzerner Zugausfall. Der TVO-Beitrag zum Thema:

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Dario Cantieni
Quelle: dac
veröffentlicht: 25. März 2017 11:44
aktualisiert: 26. März 2017 12:38