Swiss-Angestellte erzählen

«Durch das neue Management sind viele Werte verloren gegangen»

Maurus Held, 11. Juni 2022, 09:15 Uhr
Die Swiss hat mit Personalnot zu kämpfen, hunderte Flüge werden ausfallen. Zwei (Ex-)Angestellte erzählen gegenüber unserer Redaktion ihre Geschichte. Sie stören sich ab dem Umgang mit dem ungeimpften Flugpersonal und den allgemeinen Arbeitsbedingungen.

Quelle: TeleZüri / Sendung vom 7. Juni 2022

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Die Swiss hat einmal mehr von sich reden gemacht: Über hundert Flüge in den Sommermonaten Juli und August werden gestrichen, liess die Fluggesellschaft am Dienstag verlauten. Der Grund: es fehlt an Personal. Am Donnerstag dann eine erfreulichere Meldung: Der Corona-Notkredit des Bundes konnte zurückbezahlt werden.

Wie steht es denn nun um die Swiss? Getuschelt und gemunkelt wird allerlei – so richtig wissen tun es aber nur die (ehemaligen) Angestellten. Mit zwei von ihnen hat die Today-Redaktion sprechen können. So viel vorweg: Am Management wird kein gutes Haar gelassen.

«Es war kein schöner Abgang»

Da wäre zum einen Luisa*. Sie arbeitet seit rund zehn Jahren bei der Swiss als Flight Attendant in einem hohen Teilzeitpensum. Als im Dezember letzten Jahres die Corona-Impfpflicht kam, stand sie kurz vor der Kündigung – schliesslich lenkte sie dann ein, weil ihr der Beruf zu sehr am Herzen lag. Sie betont aber, dass die Impfung «gegen ihren Willen» geschah. «Ich hatte praktisch keine andere Wahl, obwohl ich genesen war und eine Grundimmunität hatte.»

Hunderte ihrer Arbeitskolleginnen und -kollegen seien konsequent geblieben und hätten daraufhin die Kündigung erhalten, darunter jahrzehntelange, treue Mitarbeitende. Eine von ihnen ist Franca*. Ende 2021 wurde sie, eine langjährige Flugbegleiterin, in die Frühpension entlassen. Mit dieser könne sie sich zwar arrangieren, sagt sie. «Ein schöner Abgang war es nach so vielen Jahren aber trotzdem nicht.»

Immer mehr Angestellte melden sich krank

«Stell dir vor, du warst so lange in einem Unternehmen und hast immer solide Arbeit geleistet», sagt Luisa und meint Kolleginnen wie Franca. «Und dann wirst du wegen einer fehlenden Impfung vor die Tür gestellt.» Mit Wertschätzung habe das wenig zu tun. «Lohnkürzungen, weniger Spesen – während Corona haben das viele von uns hingenommen, der Swiss zuliebe. Sie liegt uns am Herzen. Aber im Gegenzug ist einfach nichts gekommen.»

Und nun fehlen im Sommer Hunderte von Crew-Mitgliedern. «Ich spüre jetzt schon eine Auslastung. Im Mai hatte ich so viel gearbeitet wie nie zuvor. Wir sind am Limit, die Ruhepausen sind so kurz wie nur möglich.» Das heisst: man erhält bloss die Minimum-Freitage nach vielen intensiven Arbeitstagen. Für manche ist das zu wenig: «Immer mehr erschöpfte Flugbegleitende melden sich krank.»

Private Termine zu planen ist schwierig

Durch die kurzfristigen Einsatzpläne sei zudem kaum noch möglich, private Treffen oder Termine genügend früh abzumachen. «Die Freizeit leidet sicher darunter», ist Franca überzeugt. Luisa spricht von einem Teufelskreis: «Im Juli und August wird der Personalmangel besonders zu spüren sein. Und hängenbleiben wird das Ganze an all jenen, die noch arbeiten.» Sprich: auch an ihr selbst.

Die Stimmung, das Arbeitsklima sei jetzt schon schlecht, Frust und Unverständnis hätten sich längst breitgemacht. «Das Management sieht nur die Zahlen», sagt Franca. Unter dem früheren CEO Thomas Klühr habe eine gesunde Firmenkultur geherrscht. «Doch durchs neue Management (Seit Januar 2021 ist Dieter Vranckx neuer CEO, die Red.) gingen viele Werte verloren.» Untereinander sei der Zusammenhalt aber gross, betont Luisa. «Wir sind alle füreinander da.»

Ungeimpfte wären bereit, Europa abzudecken

Ob das Einspringen von Lufthansa-Personal oder die Minimierung von 14 auf zwölf Crew-Mitglieder auf den Langstreckenflügen die erhoffte Entlastung im Sommer bringen wird, kann Luisa nicht abschätzen. «Langfristig sind das kaum gute Lösungen.» Was ihrer Meinung nach viel effizienter wäre: Zumindest die Genesenen, denen man gekündigt hatte, wieder einzustellen. «Auf einen Schlag wären über hundert Flight Attendants wieder zurück. Ausser jene natürlich, die mittlerweile einen neuen Job gefunden haben.»

Gänzlich neues Personal einzustellen, sei viel schwieriger, ist Franca überzeugt. «Die Ausbildungsmodule dauern rund drei Monate. So viel Zeit bleibt nicht mehr, die Sommerferien beginnen in drei Wochen.» Aus vielen Gesprächen weiss Franca, dass die meisten ungeimpften Ex-Swiss-Angestellten sogar bereit wären, die Kurzstrecken-Flüge in Europa zu übernehmen.

«Swiss will das Gesicht nicht verlieren»

Diese seien erstens strenger, weil durch die kürzeren Flugzeiten mehr Flüge durchgeführt werden, zweitens würde ihr Impfstatus in keinem Land ein Problem darstellen. Geimpftes Personal könnte demnach die «entspannteren» Langstreckenflüge abdecken, auch in Destinationen mit strengeren Einreise-Richtlinien.

«Wie gesagt: Die Solidarität untereinander wäre gross», so Luisa. Doch das Management bleibe stur: «Es will sein Gesicht nicht verlieren. Einen Rückzieher zu machen, wäre ein Eingeständnis. Die Negativmeldungen sind sonst schon keine Seltenheit.» Und so verzichte das Management auch darauf, firmenintern zu kommunizieren. «Es kommen einfach keine Antworten. Wir fühlen uns im Stich gelassen.»

*Name von der Redaktion geändert

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 11. Juni 2022 06:40
aktualisiert: 11. Juni 2022 09:15