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«Eine Million Menschen haben Beben gespürt»

Lara Abderhalden, 7. März 2017, 13:11 Uhr
Die Schweiz hat es durchgeschüttelt. In der ganzen Zentralschweiz und sogar im nahen Ausland war das Erdbeben der Stärke 4,6 zu spüren. Zwar halten sich die Schäden in Grenzen, dennoch sind sich Experten einig, dass auch in der Schweiz noch stärkere Erdbeben möglich sind.
Seismogramm zeigt das Erdbeben mit einer Magnitude von 4,6 auf der Richterskala bei Linthal Glarus.
© HANDOUT/..Observatorium Montsevelier, Val Terbi

«Es fühlte sich an, als würde jemand mein Haus mit den Händen packen und richtig durchschütteln. Meine Katze sprang auf vor Schreck. Ich habe so etwas noch nie erlebt», erzählt Today-Reporterin Saskia aus Sevelen. Auch Daniel aus Nesslau im Toggenburg hat das Erdbeben gespürt: «Ich sass vor dem Fernsehen, als es mich plötzlich durchschüttelte. Zuerst dachte ich, der Hund sei auf die Couch gesprungen, doch dieser sass nur auf dem Boden und schaute mich schräg an.» «In meinem Aquarium hat es beinahe einen Tsunami gegeben», schreibt Iris auf Facebook.

Grössere Schäden ab einer Magnitude von 5,5

Und die drei sind nicht die einzigen: «Über eine Million Menschen haben das Erdbeben gespürt», sagt Philipp Kästli, verantwortlicher Seismologe beim Schweizerischen Erdbebendienst. «Wir hatten zeitweise Probleme mit unserer Webseite, weil so viele Personen versuchten, darauf zuzugreifen.»

Für Philipp Kästli war der gestrige Tag ein ganz spezieller: «Ein solches Erdbeben kommt nicht häufig vor. Das letzte Beben, dass so stark war, war im Jahr 2005.»

Dennoch richtet ein Erdbeben dieser Stärke keine hohen Schäden an: «Das Gebiet rund um das Epizentrum im Linthal Glarus ist kaum besiedelt, deshalb gab es fast keine Schadensmeldungen.» Mit diesen rechne man auch heute nicht: «Natürlich sind kleinere Schäden möglich, es können jedoch keine Häuser zusammenfallen.» Dafür müsste die Erdbebenstärke mindestens eine Magnitude höher sein. «Ab einer Stärke von 5,5 ist mit grösseren Schäden zu rechnen.»

«Erdbeben kommen nicht nach Fahrplan»

Dass ein Erdbeben dieser Stärke auch in der Schweiz vorkommen kann, ist nicht auszuschliessen: «Statistisch gesehen muss man damit rechnen, dass ein Erdbeben wie das in Italien auch in der Schweiz möglich ist.» Im Januar kam es in Mittelitalien zu mehreren Beben mit Stärken von 5,3 bis 5,7. Wann sie kommen, wisse man aber nicht. «Erdbeben kommen nicht nach Fahrplan. Es kann morgen kommen oder erst in 150 Jahren. Es kann aber auch gleich zwei starke Erdbeben nacheinander geben.» Das letzte Erdbeben mit einer Stärke von 5,7 gab es 1946 im Wallis.

Das Erdbeben von gestern war zwar nicht so stark wie jenes vor über 70 Jahren, dennoch war es in der ganzen Zentralschweiz zu spüren: Von Bern bis ins Südtessin und über die Schweizer Grenze hinaus. «Vor allem beim nördlichen Voralpenbogen besteht eine erhöhte Erdbebengefährdung.» Auch das westliche Linthal gehöre zu diesem Spannungsbogen.

Nachbeben möglich

Auch in den kommenden Tagen könne es immer wieder zu Nachbeben kommen: «Diese sind weniger stark als das von gestern. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem starken Nachbeben kommen kann, liegt bei unter zehn Prozent.»

Im Leben eingeschränkt, sollte man durch das Beben nicht werden. Auch die Skigebiete blieben mehrheitlich verschont. Wie der Schweizerische Lawinendienst mitteilt, könnten sich durch das Erdbeben ein paar Lawinen gelöst haben, es seien aber keine speziellen Massnahmen nötig oder Beobachtungen gemacht worden. Auch beim Stausee Gigerwald sei keine Warnmeldung vom Bundesamt für Energie eingegangen.

Kleinere Schäden im Glarnerland

Der Glarner Gebäudeversicherung wurden unter anderem Risse in Wänden, eine eingerissene Wasserleitung und ein eingestürztes Kamin gemeldet, wie Hansueli Leisinger, Vorsitzender der GlarnerSach-Geschäftsführung, am Dienstag sagte. Nach ersten Einschätzungen handle es sich aber ausschliesslich um Bagatellfälle.

In der Nähe des Epizentrums westlich von Linthal steht auch das unterirdische Gross-Pumpspeicherkraftwerk Limmern. Die über einen Kilometer lange Staumauer des Muttsees ist auf 2500 Meter über Meer gelegen. Bei der Medienstelle hiess es auf Anfrage, bei einer ersten visuellen Kontrolle seien keine Schäden festgestellt worden. Es werde im Verlaufe des Tages aber noch weitere Abklärungen geben.

(abl/sda)

 

 

Lara Abderhalden
veröffentlicht: 7. März 2017 11:27
aktualisiert: 7. März 2017 13:11