«Es entsteht ein riesiger blinder Fleck»

Angela Mueller, 5. Juli 2018, 16:42 Uhr
Seit dem Sommer 2016 retten Ostschweizer Piloten Flüchtlinge aus dem Mittelmeer. Doch vor zwei Wochen hat Malta dieser humanitären Piloteninitiative die Starterlaubnis entzogen.

«Der Entscheid kam von einem Tag auf den nächsten und ohne eine Erklärung», sagt der Appenzeller Fabio Zgraggen (33). Er ist Pilot und Mitbegründer der humanitären Piloteninitiative. Die Ostschweizer Piloten starten seit zwei Jahren Suchflüge von Malta aus und melden Flüchtlingsboote, die in Seenot geraten, den diversen Rettungsschiffen.

Doch damit ist jetzt Schluss. Die maltesischen Behören haben den Ostschweizern die Starterlaubnis entzogen. Ihnen wurde schriftlich mitgeteilt, Such- und Rettungsflüge würden nicht mehr bewilligt, sofern es dafür keine Aufforderung von Malta oder Italien gebe, schreibt Watson. «Das Absurde daran ist, dass es für solche Rettungsflüge gar keine Bewilligung braucht. Wir sind privat organisiert und finanziert. Wir brauchen keine Aufforderung von einem Land für unsere Einsätze.»

Piloten werden abgeblockt

«Aus unserer Sicht handelt die maltesische Behörde unrechtmässig», sagt Zgraggen im Interview mit Watson. Die Piloten-Organisation besitzt sämtliche nötigen Papiere für Rettungsflüge. «Wir haben Malta aufgefordert, unsere Fragen zu beantworten, doch wir werden abgeblockt.» Zgraggen geht davon aus, dass das Verhalten der maltesischen Behörden aufgrund des politischen Druck entstanden ist. Seit Italien seit Juni den Bootsflüchtlingen die Einreise verweigert, ist die europäische Flüchtlingspolitik ins Wanken geraten.

zVg
zVg

Zgraggen macht diese Situation wütend: «Momentan werden wir daran gehindert, Menschenleben zu retten. Es ist, als würde ein Rettungsfahrzeug nicht zu einem Unfall gelassen. In der Schweiz wäre das eine strafbare Handlung.»

Die Zahl der Toten steigt an

Nun hat die Organisation einen Anwalt eingeschaltet, um wieder eine Startbewilligung zu erhalten. Doch vorläufig müssen die Piloten tatenlos zusehen, wie sich die Flüchtlingstragödie auf dem Mittelmeer verschlimmert. «Es entsteht ein riesiger blinder Fleck auf dem Meer, weil niemand weiss was passiert. Das einzige, was wir beobachten, ist wie die Zahl der Toten steigt und das massiv.» So gab es gemäss den Angaben von Zgraggen im Juni 564 Tote, in den Vormonaten waren es zwischen zehn und zwanzig Personen, die im Mittelmeer ertrunken sind.

Wenn die Hilfe zu spät kommt - Flüchtlinge ertrinken.
Wenn die Hilfe zu spät kommt - Flüchtlinge ertrinken.
© Wenn die Hilfe zu spät kommt - Flüchtlinge ertrinken. ©zVg

Die humanitären Piloten aus der Ostschweiz sind nicht die einzigen, die von den Behörden gehindert werden, Flüchtlinge zu retten. «Die Schiffe von Nichtregierungsorganisationen dürfen zum Teil nicht mehr auf Rettungsmission gehen und werden im Hafen blockiert.» Schiffe, die Flüchtlinge retten, dürfen nicht mehr in den italienischen Häfen anlegen. Kürzlich musste das NGO-Schiff «Open Arms» bis nach Spanien fahren, um gerettete Personen an Land bringen zu können. Auch die italienische Küstenwache hat sich zurückgezogen.

Flüchtlinge habe keine andere Option

Zgraggen ist überzeugt, dass der Vorwurf nicht stimmt, NGOs würden im Mittelmeer ein Pull-Faktor sein, der die Flüchtlinge ins gefährliche Meer treibt. «Die Leute steigen in die Boote wegen der Situation in ihren Ländern und der Situation in Libyen. Sie steigen in die Boote, weil sie keine andere Option haben.» Zgraggen führt die Zahl von über 500 ertrunkenen Menschen im letzten Monat als «traurige Bestätigung» an.

Sollen so schnell wie möglich wieder starten können: Flugzeug der humanitären Piloteninitiative.
Sollen so schnell wie möglich wieder starten können: Flugzeug der humanitären Piloteninitiative.
© Sollen so schnell wie möglich wieder starten können: Flugzeug der humanitären Piloteninitiative. ©zVg

Der Pilot weiss von früheren Einsätzen wie es aussieht, wenn die Hilfe zu spät kommt. «Ich kann mir also im Ansatz vorstellen, was für Szenen sich gerade dort auf dem Meer abspielen. Das macht mich unglaublich betroffen.»

Möglichst schnell wieder in die Luft kommen

Doch die Organisation hat nicht vor, einfach tatenlos zuzusehen. «Wir setzen alles daran, so schnell wie möglich wieder in die Luft zu kommen und ziehen andere Standorte in Erwägung.» Das Problem dabei ist allerdings, das die beste Luftabklärung nichts nützt, solange die Schiffe nicht aus den Häfen auslaufen können.

Angela Mueller
veröffentlicht: 5. Juli 2018 16:42
aktualisiert: 5. Juli 2018 16:42