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Das steckt dahinter

Frauen klagen nach Corona-Impfung über Mens-Beschwerden

Noëmi Laux, 16. Juli 2021, 11:01 Uhr
Zu früh, zu spät, zu lang, heftiger als sonst – zurzeit hört man vermehrt von Frauen, deren Zyklus sich nach der Covid-Impfung verändert hat. Die Zyklusbeschwerden gehen wieder vorbei. Der Fall zeigt exemplarisch, dass die Medizinforschung auf den männlichen Körper ausgelegt ist.
Nach einer Covid-Impfung kann es zu Zyklusbeschwerden kommen.
© Getty

Nach einer Corona-Impfung erleben viele Menschen unangenehme Impfreaktionen wie Müdigkeit, Kopf- oder Gliederschmerzen und Fieber. Diese sind zwar lästig, aber kaum gefährlich: Impfreaktionen sind ein Zeichen, dass das Immunsystem arbeitet und Antikörper gebildet werden. In den meisten Fällen sind sie unbedenklich und verschwinden nach wenigen Tagen von selbst wieder.

Dies gilt auch für die Mensbeschwerden, die zahlreiche Frauen seit Monaten melden. Insbesondere auf Twitter berichten seit einiger Zeit vermehrt Frauen länger anhaltenden Blutungen, einem völlig durcheinandergebrachten Zyklus oder ungewöhnlich heftige Mens-Schmerzen nach der Covid-Impfung.

Ausgelöst wurde diese Diskussion schon im Februar von der medizinischen Anthropologin Kate Clancy. In einem Tweet schrieb sie damals, dass sie nach der ersten Impfung die Periode einen Tag zu früh bekommen hat. Und dann habe es «gesprudelt als wäre ich wieder 20».

Daraufhin meldeten sich zahlreiche Frauen auf der ganzen Welt und berichteten von ähnlichen Erfahrungen. Angesichts der vielen Rückmeldungen hat Clancy nun angekündigt, das Phänomen an der University of Illinois weiter untersuchen zu wollen.

Kausaler Zusammenhang eher unwahrscheinlich

Zahraa Kollmann, leitende Ärztin der Gynäkologie und Reproduktionsmedizin am Kantonsspital in Aarau, vermutet bisher keinen direkten Zusammenhang mit dem Impfstoff. Aktuell laufen weitere Studien und Erfahrungsumfragen. Sie sagt, dass zahlreiche Faktoren den Zyklus beeinflussen können – Fieber, Schlaflosigkeit oder Stress zum Beispiel.

«Auf die Impfung macht der Körper eine Immunreaktion und es kann zu kurzfristigen Nebenwirkungen kommen, welche den Zyklus beeinflussen können.» Betroffene Frauen müssen sich laut Kollmann aber keine Sorgen machen: Die Nebenwirkungen haben keine anhaltenden Folgen und sind in der Regel von kurzer Dauer.

Swissmedic: Keine Auffälligkeiten in der Schweiz

Das nationale Pharmacovigilance Zentrum der Heilmittelbehörde Swissmedic ist für die Marktkontrolle von Impfstoffen zuständig und somit auch für die Bewertung der gemeldeten Nebenwirkungen. Bislang wurden rund 3500 ungewollte Impfreaktionen im Zusammenhang mit Covid-19 ausgewertet. Unter den häufigsten 15 sind Menstruationsbeschwerden aber nicht gelistet.

Swissmedic äussert sich dazu folgend: «Die Anzahl der Berichte aus der Schweiz über Menstruationsstörungen und vaginale Blutungen ist gegenüber anderen Meldungen noch gering, sowohl im Verhältnis zur Anzahl der Frauen, die bisher Covid-19-Impfstoffe erhalten haben als auch im Verhältnis dazu, wie häufig Menstruationsstörungen gemäss Gynäkologinnen und Gynäkologen im Allgemeinen sind», so der Sprecher Lukas Jaggi. Aber: Jaggi teilt auch mit, dass Swissmedic eine Zunahme der entsprechenden Nebenwirkungsmeldungen verzeichnet, seit in den Medien breiter über das Thema berichtet wird.

Nicht explizit danach gefragt

Die SRF-Wissenschaftsredaktorin Katrin Zöfel sieht einen anderen Grund, warum die Auswirkung auf den Zyklus jetzt erst Thema wird: «In den grossen Zulassungsstudien wurde zwar aktiv nach Fieber oder Kopfschmerzen gefragt, aber nicht nach veränderten Menstruationsblutungen. Die Tatsache, dass nicht danach gefragt wurde, kann gut dazu geführt haben, dass eine Häufung übersehen wurde», sagt sie gegenüber der SRF-Sendung «10vor10».

Ob und wie die Covid-Impfung den Zyklus beeinflusst, kann also aufgrund der Datenlage zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschliessend geklärt werden. Wissenschaftsredaktorin Zöfel spricht an dieser Stelle vom sogenannten Gender Data Gap, der auch in der Medizin präsent ist. Demnach gelte der männliche Körper als Standard, während die Frau als Ausnahme wahrgenommen werde. «Die Tatsache, dass in den Zulassungsstudien nach Kopfschmerzen und Gelenkschmerzen gefragt wurde, nach Regelschmerzen aber nicht, passt ins Bild einer Medizin, die oft übersieht, was typisch weiblich wäre.»

Swissmedic räumt ein: «Die Geschlechterverteilung in den Zulassungsstudien der in der Schweiz eingesetzten Covid-19-Impfstoffe war ausgeglichen und Frauen waren von Nebenwirkungen etwa gleich häufig betroffen wie Männer. Auswirkungen auf die Regelblutung wurden nicht ausdrücklich nachgefragt, es zeigten sich in den Studienprotokollen aber auch keine Auffälligkeiten.»

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 16. Juli 2021 07:44
aktualisiert: 16. Juli 2021 11:01