Kunstturnen

Giulia Steingruber zum sechsten Mal Europameisterin

24. April 2021, 19:25 Uhr
Giulia Steingruber riskierte alles und holte am Sprung ihr viertes EM-Gold nach 2013, 2014 und 2016.
© EPA-EFE/ALEXANDRA WEY
Giulia Steingruber fliegt an den Europameisterschaften in Basel am Sprung überlegen zu EM-Gold. Benjamin Gischard holt am Boden die Silbermedaille.

Was für ein Auftritt, was für eine Leistung von Giulia Steingruber! Trotz eines Muskelfaserrisses im Oberschenkel und einer alles anderen als idealen Vorbereitung war die 27-Jährige aus Gossau einmal mehr bereit, als es zählte. Dank ihrer Erfahrung und ihrer Nervenstärke hielt sie in der St. Jakobshalle dem Druck und den eigenen Erwartungen stand und holte an ihren ersten Europameisterschaften seit fünf Jahren ihren insgesamt sechsten EM-Titel, den vierten am Sprung nach 2013, 2014 und 2016.

Wie in der Qualifikation trat die Ostschweizerin mit einem dick einbandagierten Oberschenkel zum Sprung-Final an. Und in diesem ging Steingruber ‹All In›. Sie zeigte neben dem Tschussowitina den Jurtschenko mit einer doppelten Schraube - und wurde für ihre Tapferkeit und ihren Mut belohnt. Der erhöhte Schwierigkeitsgrad sorgte für eine Zäsur in der Wertung. Am Ende betrug Steingrubers Vorsprung auf die Britin Jessica Gadirova und Angelina Melnikowa aus Russland, die in der Qualifikation noch vor ihr gelegen hatten, knapp vier Zehntel, womit die Schweizerin in einer eigenen Liga flog.

Sie habe auf die Zähne beissen müssen, sagte Steingruber. «Und ich war ultra nervös.» Im Vorfeld der Titelkämpfe hatte sie aufgrund der im Training erlittenen Verletzung am Sprung und am Boden kaum noch trainieren können. Nach geschaffter Qualifikation verzichtete sie am Freitag schweren Herzens auf die Teilnahme am Mehrkampf-Final. Die lädierte Muskulatur wollte und musste sie für die Gerätefinals schonen.

Der Schachzug ging auf, konnte Steingruber doch am Tag X einmal mehr auf ihre immense Erfahrung und ihre mentale Stärke zählen. «Ich verliess mich voll auf meinen Körper und vertraute ihm, dass er die Bewegungen kennt», sagte Steingruber. Das in unzähligen Trainingsstunden gespeicherte Bewegungsmuster funktionierte, obwohl sie den Jurtschenko zuvor zehn Tage nicht trainiert hatte.

2011 war Steingruber in Berlin als Teenager ins Rampenlicht gesprungen, verpasste nach ihrem Sieg in der Qualifikation nach einem Sturz im Final aber Edelmetall. Inzwischen umfasst ihr Palmarès bereits zehn EM- sowie je eine WM- und eine Olympia-Medaille. Ein weiterer kleiner Traum sei wahr geworden, sagte Steingruber, die erst am Sonntag entscheiden wird, ob sie auch am Boden zum Final antreten wird.

Gischards erste Einzel-Medaille

Für den aus Schweizer Sicht perfekten Auftakt in den Wettkampftag hatte Benjamin Gischard gesorgt. Der 25-Jährige aus Herzogenbuchsee zeigte am Boden einen brillanten Vortrag, für den er mit 14,966 Punkten und der Silbermedaille belohnt wurde.

Der Berner nutzte als zweitletzter der acht Finalisten die Gunst der Stunde, nachdem dem Russen Kirill Prokopew, dem Besten der Qualifikation, die Übung missglückt war. Dank der hervorragenden Ausführung vermochte sich Gischard gegenüber der Qualifikation gleich um drei Zehntel zu steigern. Besser habe er die Übung noch nie gezeigt, sagte Gischard.

2019 in Stettin hatte er am Boden (4.) und am Sprung (5.) das Podest noch knapp verpasst, nun klappte es für den Jura-Studenten mit der ersten Einzel-Medaille an Europameisterschaften. «Es ist eine Erlösung, der Lohn für die harte Arbeit - und dass ich immer drangeblieben bin», so Gischard. 2016 hatte er in Bern mit dem Schweizer Team EM-Bronze geholt.

Geschlagen geben musste sich Gischard nur vom russischen Überflieger Nikita Nagorni. Der Mehrkampf-Europameister zeigte wie bereits in der Qualifikation den von ihm kreierten Sprung, einen dreifach gebückten Salto rückwärts, und lag am Ende zwei Zehntel vor Gischard. Später gewann Nagorni am Pauschenpferd und an den Ringen auch noch zweimal Silber.

Quelle: sda
veröffentlicht: 24. April 2021 18:55
aktualisiert: 24. April 2021 19:25