Viren-Saison

«Grippewelle kommt erst noch» – Experte warnt vor Auslastung der Spitäler

Maurus Held, 24. November 2022, 16:23 Uhr
Obwohl derzeit viele krank sind, stellt die Grippe (noch) kein Problem dar. Weil der Immunität der Bevölkerung nachgelassen hat, solle man sich aber jetzt schon dagegen schützen, fordert ein Experte. Denn die Spitäler werden mit dem Coronavirus schon genug zu tun haben.

Quelle: TeleZüri / Sendung vom 14.9.2022

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Die für die Jahreszeit typischen Symptome plagen auch hierzulande wieder abertausende von Menschen: Husten, laufende Nase oder Halsschmerzen. «Ich habe die Grippe», wird dann gut und gerne gesagt. Nur: Meist ist es gar keine Grippe. Die Influenza, so ihr Fachbegriff, ist in den letzten Monaten nämlich nur in wenigen Fällen nachgewiesen worden, wie Zahlen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) belegen.

«Wir können derzeit nicht von einer Grippewelle sprechen», sagt auch Huldrych Günthard, leitender Arzt der Klinik für Infektionskrankheiten am Universitätsspital Zürich gegenüber der Today-Zentralredaktion. Die Grippeaktivität sei derzeit tief. «Die Welle ist noch nicht da – das wird aber höchstwahrscheinlich bald der Fall sein, im Dezember oder Januar.»

Corona wird oft für Influenza gehalten

Wenn also nur wenige die Grippe haben – an was leiden die Menschen dann? «Etwa an Adeno- oder an Rhinoviren oder an humanen Coronaviren (nicht Sars-Cov-2, d. Red.). Bei Kindern tritt auch häufig das Respiratorische Synzytial-Virus auf», so Günthard. Er führt aus, dass viele den Begriff «Grippe» umgangssprachlich benutzen würden, weil sie die anderen Viren kaum kennen. «Und zugegeben, die Symptome sind praktisch dieselben», so Günthard. 

Natürlich seien viele auch weiterhin von Corona betroffen. Weil auch hier die Symptome teils identisch sind, lassen sich nicht alle testen – im Irrglauben, eine vermeintliche Grippe zu haben. So wird dem Coronavirus, aber auch der Influenza und anderen Viren, die Möglichkeit geboten, sich schneller auszubreiten. Vor allem, weil meist keine Maske getragen wird.

Weil aktuell keine entsprechende Pflicht gilt, gehe die Ausbreitung schneller vonstatten als in den vergangenen zwei, von Massnahmen gezeichneten Wintern. Günthard sagt dazu: «Durch die Maske waren wir geschützt, sie dämmte die Ansteckungsgefahr ein.» Tatsächlich bewegten sich die Influenza-Zahlen in den letzten zwei Jahren auf viel tieferem Niveau als in den Vorjahren. «Die Grippe war praktisch inexistent.»

«Haben keine Reserven mehr»

Unsere Immunität gegen Viren hat dadurch warscheinlich aber auch abgenommen. Deshalb dürften jetzt viele wieder anfälliger sein. Dennoch, oder genau deshalb empfiehlt Günthard ganz klar das Maskentragen, um sich vor Infektionen zu schützen. Aber wird dadurch der Immunaufbau nicht einfach hinausgezögert? «Doch, das ist gut möglich», so Günthard. «Aber: Wir sind einfach sehr froh, wenn so wenig Leute wie möglich ins Spital kommen. Wir sind jetzt schon am Anschlag.» Auch Long-Covid sei nach wie vor ein Problem.

Das Gesundheitswesen könne sich nicht erlauben, eine Corona-Welle einfach hinzunehmen. «Was ist, wenn alle Viren gleichzeitig kommen? Wir haben jetzt schon keine Reserven mehr.» In den meisten Fällen ziehe eine Influenza-Krankheit ja glücklicherweise keinen Spitalaufenthalt mit sich. «Aber wenn dann Hunderttausende erkranken, nehmen natürlich auch die Spitaleinweisungen stark zu.» 

Doppel-Impfung geht ohne Probleme

Das Gesundheitspersonal werde auch diesen Winter gefordert sein – erst recht, weil es zu Ausfällen kommen wird. Das Stadtspital Triemli in Zürich sagt dazu auf Anfrage: «Es wird sicher zu solchen kommen. Da wir in den letzten beiden Jahren fast keine Grippeerkrankungen hatten, ist die Bevölkerung dieses Jahr deutlich weniger gegen Grippe geschützt.»

Deshalb biete das Spital seinen Angestellten die Impfung an – gegen Corona und gegen Influenza. Diese empfiehlt auch Günthard dringlich, und zwar nicht nur den Ärzten und dem Pflegepersonal: «Man kann sich gleichzeitig gegen beides impfen lassen, das geht ohne Problem. Die eine in den linken und die andere in den rechten Arm.» Und: «Lassen Sie sich auf Corona testen, wenn Sie Symptome haben.»

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 24. November 2022 16:17
aktualisiert: 24. November 2022 16:23