Klima-Kompensation

Immer mehr Schweizer wollen ohne schlechtes Gewissen fliegen

Géraldine Bohne, 16. Januar 2020, 11:50 Uhr
Von Flugscham merkt die Swiss nichts. Sie verzeichnet ein Passagierwachstum von 4.7 Prozent.
© KEYSTONE/CHRISTIAN MERZ
Fluggesellschaften und Reisebüros verzeichnen trotz Klima-Debatte gute Zahlen. Aufs Reisen verzichten, möchten die Schweizer nicht. Das Gewissen spielt beim Buchen einer Reise aber trotzdem eine Rolle. Bei «MyClimate» stieg die Zahl der Flugkompensationen enorm an. 5 Prozent aller Flüge werden kompensiert.

Es wird so viel geflogen wie nie. Die Fluggesellschaft Swiss vermeldet einen Passagierrekord von 18,8 Millionen Passagieren, welche 2019 mit der Airline flogen. Also 4,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Und auch in den Schweizer Reisebüros ist die Anzahl verkaufter Flugreisen kaum gesunken. Flugscham macht sich im Land nicht bemerkbar. Oder etwa doch?

Bei «MyClimate» stieg die Anzahl der Flugkompensationen enorm. 200 Prozent mehr Flüge als im Vorjahr wurden 2019 kompensiert. Dank der Kompensation also kein Flugscham? «Verantwortung für die Spuren zu übernehmen, die man bei der Umwelt hinterlässt, kann ein gutes Gewissen schaffen», sagt Kai Landwehr, Mediensprecher von «MyClimate». Vielen Menschen sei dies leider noch egal oder sie wissen von der Möglichkeit zu kompensieren noch nichts. «Aber es gibt auch immer mehr Leute, die das Angebot nutzen.»

«Ich würde uns nicht als Gewinner dieser Klima- beziehungsweise Flugscham-Debatte bezeichnen.» Dies obwohl das Wachstum der Kompensationen enorm sei. «Neu werden fast fünf Prozent aller Flüge kompensiert, davor waren es nur etwa ein Prozent.» Trotzdem gebe es aber noch immer zu viele Flüge, die nicht kompensiert würden. 

Zürich-Paris mit dem Zug

«Die CO2-Kompensation ist die zweitbeste Variante im Bereich des Fliegens», sagt Landwehr. Am besten sei aber immer noch, wenn der Flug weggelassen werden könne. Zum Beispiel bei einer Strecke Zürich-Paris, bei der es gute Alternativen, wie den Zug, gebe. «Es ist sehr wichtig, dass sich die Leute bei  Entscheidungen zum Verkehrsmittel bewusst werden, wie viel sie bewirken können.» Man stünde hier aber noch am Beginn eines Prozesses.

«Es wäre gut, könnte man den Reisenden beim Buchungsprozess mit seinem CO2-Ausstoss konfrontieren und ihm die Möglichkeit bieten, seine Umweltbelastung zu kompensieren», sagt Kai Landwehr. So, wie der Konsument bei der Buchung nach zusätzlichem Gepäck, Reiseversicherung oder Spezialmenü gefragt werde. Mit der Swiss und der Lufthansa ist «MyClimate» deswegen bereits im Gespräch. Die beiden Fluggesellschaften wollen ein solches Angebot in den Buchungsprozess einbinden, bei Edelweiss ist dies seit vergangenem Sommer schon der Fall. «Darin sehen wir sehr viel Potenzial.»

Kompensiert wird bei persönlicher Konfrontation öfter

Auch der Schweizer Reiseverband hat den Reisebüros geraten, die Kunden zur Kompensation aufzufordern oder die Möglichkeit zu erwähnen. «Im persönlichen Gespräch wird mehr kompensiert als bei einer Buchung übers Internet», sagt Walter Kunz, Mediensprecher des Verbands. Denn dann komme eine Art Flugscham auf. Kompensiert werde momentan bei zehn Prozent der verkauften Reisen. «Bei einer Befragung ist man auf das Ergebnis gekommen, dass etwa 70 Prozent der Befragten ihre Reise kompensieren würden.» Jedoch entspreche das Reiseverhalten leider oftmals nicht dem, was die Menschen preisgeben würden. 

In der Hinsicht auf den Verkauf von Flugreisen merkt der Reiseverband aber keinen grossen Rückgang. «Wir merken keine Flugscham.» Für viele käme der Verzicht des Fliegens oder eine Alternative wie Zugfahren nicht in Frage. «Meistens entscheidet der Preis. Vielen Menschen ist dann das eigene Portemonnaie doch am wichtigsten.» Flüge seien oftmals günstiger als deren Alternativen.

«Ich finde es auch nicht lustig»

Das Geld, das «MyClimate» von Flugreisenden freiwillig einfordert, möchten die Grünen bereits schon seit längerer Zeit zur Pflicht machen. Ihr Ziel ist es, eine obligatorische CO2-Abgabe auf Flugtickets einzuführen. Dass die Swiss, trotz Klima-Debatte, einen Passagierrekord verzeichnet, nimmt Michael Töngi zum Anlass, die Wichtigkeit einer solchen Abgabe zu betonen. «Ich finde es auch nicht lustig, dass man mit Vorgaben arbeiten muss», sagt der Grünen-Politiker und Nationalrat aus Luzern. 

Töngi ist sich bewusst, dass eine CO2-Abgabe allein das Problem nicht lösen würde. «Es müssen auch die Zuglinien ausgebaut werden, vor allem im Fernverkehr.» Und die Entwicklung und Forschung zu synthetischem Treibstoff müsse voran gehen. «Irgendwann sollte das Fliegen, das nötig ist, klimaneutral sein.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 16. Januar 2020 05:35
aktualisiert: 16. Januar 2020 11:50