Wilde Pfötchen

Klimawandel macht Winter wärmer – sind Wildtiere deswegen bedroht?

Yasmin Stamm, 23. Januar 2023, 15:26 Uhr
Weisse Wiesel streifen durch die grünen Wiesen und im Linthgebiet kehren die Störche zurück. Die Tage bis Mitte Januar waren sehr warm und haben teilweise sogar die Pflanzen zum Blühen gebracht. Sind auch unsere Wildtiere von den Temperaturen betroffen?
Ein Storch im Schnee, kommt immer häufiger vor. Das weil die Tiere oft wegen wärmeren Wintern nicht mehr in den Süden fliegen.
© Getty Images
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Ein kleines Hermelin flitzt bei seiner Jagd über die Wiese. Eigentlich ist das kein seltenes Phänomen, aber für gewöhnlich sieht man das Tier nicht, wenn es durch das Gras streift. In diesem schneelosen Winter jedoch war das Hermelin mit seinem weissen Winterfell sichtbarer denn je.

Wir Menschen freuen uns über den Anblick. Für den kleinen Jäger ist das aber alles andere als vorteilhaft. Doch waren auch andere Tiere von den hohen Temperaturen der letzten Wochen betroffen?

«Es gibt drei verschiedene Strategien für Lebewesen zu überwintern.» Das sagt Kurt Bollmann, er ist Wildtierökologie- und Forschungsgruppenleiter «Naturschutzbiologie» an der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

Die erste Strategie sei, über den Winter in wärmere Regionen zu ziehen, wie zum Beispiel Zugvögel es tun. Strategie zwei sei, einen Winterschlaf zu machen oder sich in Winterstarre zu begeben und die dritte Strategie sei, den ganzen Winter über aktiv zu bleiben und der Nahrungssuche nachzugehen. Hermeline befolgen die dritte Strategie.

Profiteure vom schneelosen Winter

«Eine Studie fand heraus, dass die Überlebenschance bei Schneehasen in schneearmen Wintern sinkt, weil sie so schlecht getarnt und für Fressfeinde gut sichtbar sind. Somit ist es naheliegend, dass es bei Hermelinen ähnlich ist», sagt Bollmann.

Er vermute aber, dass diese Gefahr beim Hermelin, anders als beim Schneehasen, deutlich kleiner ist. «Hermeline sind keine einfache Beute, sie sind sehr flink und nur sehr sporadisch an der Bodenoberfläche aktiv.»

Die «winter-aktiven» Tiere, zu welchen auch der Mensch zählt, finden in ihren Lebensräumen das ganze Jahr lang Nahrung. Deswegen sind sie auch fähig, den Winter ohne grössere Probleme zu überleben.

Grösstenteils haben sie von den warmen und schneefreien Tagen profitiert, sagt Bollmann. «Wenn es warm ist, braucht der Körper zum einen weniger Energie und zum anderen finden vor allem Pflanzenfresser einfacher Nahrung.» Dies habe zur Folge, dass die angefressenen Fettreserven noch nicht aufgebraucht werden und im Spätwinter dann länger halten.

Für Igel könnte es gefährlich enden

Anders liegt es bei den Winterschläfern. «Sie legen sich auch viele Fettreserven an, danach fallen sie für den restlichen Winter in einen tiefen Schlaf», so Bollmann. Für diese Lebewesen können erhöhte Wintertemperaturen kritisch werden.

«Es kommt natürlich ganz darauf an, wie gut die Winterquartiere der einzelnen Tiere sind.» Zum Beispiel beim Murmeltier, welches tief in einer Erdhöhle und unter einer dicken Schneedecke schläft, würden die Temperaturen draussen keinen Unterschied machen, da die Temperatur im Bau eigentlich konstant ist.

«Bei Igeln aber gibt es enorme Unterschiede.» Zwar hätten sie auch ausgepolsterte Höhlen, jedoch würden sie Temperaturunterschiede trotzdem wahrnehmen. «Vor allem bei Jungtieren, welche noch nicht so geübt sind im Bauen von Nestern, kann es vorkommen, dass sie im Winter bei erhöhten Temperaturen aufwachen.» So sei es auch bei Fledermäusen.

Igel überwintern in einem selbst gebauten Bau. Wenn er zu wenig dicht ist, kann es sein, dass der Igel wegen erhöhten Aussentemperaturen aufwacht. 

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Wenn diese Tiere dann nur noch mit wenigen Fettreserven nach draussen gehen und bei konstanter Körpertemperatur und hoher Atem- und Pulsfrequenz einen hohen Energieverbrauch haben, sind sie auf Nahrung angewiesen. Da Insekten und Würmer im Winter aber schwer zu finden sind, kann es sein, dass die betroffenen Tiere dann stark abnehmen und sogar sterben.

«Welche Tiere aufwachen, ist aber nicht nur abhängig von der Isolation des Winterquartiers, sondern auch von der körperlichen Verfassung und den körpereigenen Abfallstoffen, die sich im Igel während des Winterschlafes angesammelt haben. Das heisst, wie dringend er sozusagen aufs Klo muss.» Da dies aber im frühen Winter meist eher weniger der Fall ist, bleiben die Igel trotz erhöhten Aussentemperaturen im Winterschlaf.

Störche wägen das Risiko ab

Die letzte Strategie würden die Zugtiere verfolgen. Das Wegziehen in warme Gebiete. «Vor allem an diesen Tieren, wie zum Beispiel den Störchen, kann man den Klimawandel gut beobachten, auch wenn man gar nichts vom Klimawandel wüsste», sagt Bollmann.

«Vor ein paar Jahrzehnten flogen noch alle Störche nach Afrika, um der Nahrungsknappheit hier zu entgehen, doch nach und nach begann man zu beobachten, dass einzelne Störche versuchten, nur noch bis nach Südeuropa zu fliegen oder sogar ganz hierzubleiben, anscheinend mit Erfolg.»

Der Flug nach Afrika ist lange und umständlich. Wenn die Störche einfach in Europa und der Schweiz bleiben, umgehen sie dieses Risiko. Auch sei es für sie ein grosser Vorteil, wenn sie früher die Nester besetzen und sich paaren können.

Bei Störchen kann man den Klimawandel besonders gut beobachten, weil sie vermehrt wegen den höheren Temperaturen in der Schweiz bleiben. 

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Je früher die Störche Eier legen, desto grösser sei die Überlebenschance der Jungen im folgenden Winter, da sie sich mehr Körperreserven anlegen können. So würden sie auch einen Vorteil gegenüber den Störchen haben, welche noch in den Süden fliegen und erst später zurückkommen, sagt Bollmann. Dies kann in kalten und harten Wintern jedoch auch zu grossen Verlusten führen.

Wer ist leer ausgegangen?

Bisher hatten die erhöhten Temperaturen also kaum negative Auswirkungen auf die Verfassung unserer Wildtiere. An den meisten Tieren seien sie und der fehlende Schnee spurlos vorbeigezogen oder die Tiere hätten davon profitiert.

«Die einzigen, welche eher von harten und kalten Wintern profitieren, sind die Aasfresser», so Bollmann. Je mehr Tiere im Winter sterben, desto mehr Nahrung haben Tiere wie Kolkraben, Milane oder Füchse zur Verfügung.

Jedoch beginnen der Winter und die kalten Schneetage jetzt erst. «Die Wildtiere in unseren Regionen sind sich Winter gewohnt und können sich gut anpassen. Probleme bereiten eher grosse Schwankungen in der Witterung, also schelle Wechsel zwischen warm und kalt», so Bollmann.

Man gehe davon aus, dass dies in den kommenden Jahren immer häufiger und auch ausgeprägter passieren wird. Umso wichtiger sei es, beim Schneesport die Wildtierruhezonen zu respektieren.

Wenn du in und rund um die Stadt St.Gallen Beobachtungen von Wildtieren machst, kannst du diese samt Bildern oder Videos beim Projekt «Stadtwildtiere St.Gallen» melden. Das Projekt erforscht die Wildtiere rund um St.Gallen und freut sich über jegliche Sichtungen.

Yasmin Stamm
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 24. Januar 2023 05:38
aktualisiert: 24. Januar 2023 05:38