Klimawandel

Können Gletscherabbrüche auch in der Schweiz passieren?

5. Juli 2022, 12:17 Uhr
Nach dem Gletscher- und Lawinenunglück in den Dolomiten wird die Suche nach weiteren Opfern seit Dienstagmorgen fortgesetzt. Müssen wir nun wegen des Klimawandels vermehrt mit solchen Gefahren rechnen? Ob das auch in der Schweiz passieren kann, erklärt ein Gletscherexperte.

Mit brachialem Donnern stürzen Massen an Eis, Schnee und Felsen von einem Gletscher in Norditalien ins Tal. Der gewaltige Gletschersturz an der Marmolata, dem höchsten Berg der Dolomiten, hat am Sonntag mindestens sieben Menschenleben gefordert. Weitere 13 Menschen werden noch vermisst. Zudem gab es acht Verletzte, die in einer Klinik der Provinz Belluno liegen.

Wegen der Gefahr von weiteren Eis- und Felsabgängen beschränken sich die Arbeiten vorerst aber auf Überflüge des Gebietes mit Drohnen und Helikoptern, wie eine Sprecherin der Bergrettung schilderte.

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Quelle: CH Media Video Unit / Melissa Schumacher

Die Bergretter befürchten, dass es Wochen oder sogar noch länger dauern könnte, bis alle Toten unter den Eis- und Geröllmassen lokalisiert und geborgen werden. Graben könne man nur mit technischem Gerät, was aber unter diesen Umständen nicht an Ort und Stelle gebracht werden könne, sagte Bergrettungschef Maurizio Dellantonio.

Kann so ein Szenario auch in der Schweiz eintreten? 

Die Ursachen für so einen gewaltigen Gletscherabbruch können recht vielfältig sein. Die hohen Temperaturen der vergangenen Wochen spielen dabei eine sehr grosse Rolle, so der Klima- und Gletscherforscher David Volken. Es sei nicht überraschend, dass es so einen massiven Abbruch in den Dolomiten gegeben hat. «In der Schweiz hat es den zweitwärmsten Mai seit Beginn der Aufzeichnung gegeben», so Volken gegenüber CH Media Radio News. Kann so ein Szenario auch in der Schweiz passieren? «Jederzeit. Es kann morgen früh geschehen oder in zwei Wochen. Aber möglich ist es jederzeit», berichtet Volken.

An vielen Messstellen wurden in den Schweizer Alpen sogar Höchsttemperaturen gemessen. Auf dem Jungfraujoch sind die Temperaturen teilweise nicht mehr unter Null gegangen. «Der Klimawandel ist definitiv verantwortlich für den Gletscherabbruch.» Das habe auch Extrembergsteiger Reinhold Messner bestätigt, erklärt der Glaziologe weiter. «Bei dem Unglück in den Dolomiten habe sich eine sogenannte Wassertasche gebildet, das bedeutet, dass Gletscherwasser konnte in den Gletscher eindringen, bis der Druck dann zu hoch wurde und die Tasche geplatzt ist», führt er aus.

Müssen Bergsteiger jetzt im Sommer auf ihre Touren verzichten?

«Nein, verzichten nicht unbedingt», so der Experte. «Aber die Berggänger sollten im Sommer auf jeden Fall achtsamer sein und nicht die markierten Wege verlassen. Diese werden kontrolliert und gesichert», sagt Volken. Dennoch können durch den Klimawandel in Gebieten Gefahren entstehen, die heute noch als ungefährlich gelten. Die Routen durch die Dolomiten galten bislang auch als sicher, daher muss nun vermehrt mit Abbrüchen und Steinschlägen gerechnet werden. «Ich denke, dass in diesem Sommer in den Alpen mehrere Routen geschlossen werden müssen.»

Auf vielen Gletschern schmilzt der Schnee und das Eis extrem schnell und der geringe Schnee der letzten Jahre. Zusätzlich ist die Schmelze in diesem Jahr besonders früh eingetreten. Die Aussichten seien nicht sonderlich positiv. «Es regnet im Frühjahr und Sommer vermehrt in den Höhen und das bedingt die Gletscherschmelze. Die Geschwindigkeit der Rückgänge schreitet viel schnell voran, das ist ein Fakt», erklärt der Gletscherexperte abschliessend.

(sib)

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 5. Juli 2022 12:20
aktualisiert: 5. Juli 2022 12:20
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