Krankenkasse

Kommentatoren einig über die Notwenigkeit weiterer Schritte

25. September 2019, 07:27 Uhr
Für die Krankenkassenprämien müssen die Menschen immer tiefer ins Portemonnaie greifen.
© KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER
Die Krankenkassenprämien für das kommende Jahr sind positiv aufgenommen worden. Doch die Zeitungskommentatoren sind sich einig, dass angesichts der Alterung der Gesellschaft und wegen des technischen Fortschritts weitere Sparanstrengungen dringend nötig sind.

"Neue Zürcher Zeitung":

"Die Durchschnittsprämie für das nächste Jahr steigt minim an, einen solchen Erfolg konnte seit Jahrzehnten kein Gesundheitsminister mehr vermelden. Dass die Teuerung nur 2 Promille beträgt, zeigt vor allem, dass Politik wirkt: Entgegen der Warnungen aus der Krankenkassenbranche ist der Eingriff des Bundesrates in den Ärztetarif Tarmed vor zwei Jahren nicht wirkungslos verpufft, sondern hat Einsparungen in der Höhe von Hunderten Millionen gebracht. Auch Preissenkungen bei den Medikamenten kommen nun den Prämienzahlern zugute. Und doch ist nun nicht die Zeit, sich zurückzulehnen, weder für Berset, noch für die anderen Akteure des Gesundheitswesens."

"Tages-Anzeiger" / "Der Bund" / "Basler Zeitung":

"Erneut fällt die Erhöhung der Krankenkassenprämien moderat aus: 0,2 Prozent steigt die mittlere Prämie nächstes Jahr, dieses Jahr waren es 1,2 Prozent. Es wäre jedoch trügerisch, deswegen auf eine Entspannung der Lage zu schliessen. Denn die Gesundheitskosten steigen im laufenden Jahr wieder stärker, was wir in den Folgejahren mit entsprechenden Prämienaufschlägen werden bezahlen müssen. (...) Leider zeichnet sich ab, dass dieses Ziel ohne eine zunehmend zentral gelenkte Gesundheitspolitik nicht zu erreichen ist – auch wenn ein solches Vorgehen den Grundprinzipien von Föderalismus und subsidiärem Staat widerspricht. So hat sich der umstrittene Tarifeingriff von Gesundheitsminister Alain Berset als taugliche Massnahme erwiesen. (...) Dringend nötig wäre mehr nationale Steuerung auch bei den Spitälern, in denen über 30 Prozent der Gesundheitskosten anfallen. In der kleinräumigen Schweiz herrscht eine Überversorgung, und eine rein kantonale Optik kann dieses Problem nicht lösen. "

"Zeitungen der CH-Media":

"Trotz gegenteiliger Prognosen lassen sich die Gesundheitskosten stabilisieren. Ein Erfolg. (...) Doch anstatt die Stabilisierung derPrämien zu würdigen, malen Parteien, Gesundheitsakteure und -experten schwarz: Nächstes Jahr würden die Prämien massiv steigen. Die moderat angesetzte Prämienrunde erweise sich als Bumerang. Der Pessimismus hat hauptsächlich zwei Ursachen. Erstens fällt es vielen Akteuren und Parteien schwer, einzugestehen, dass Bundesrat Alain Berset und sein Gesundheitsamt die Massnahmen durchgesetzt hat - und nicht die Tarifpartner oder das Parlament, wie es in einem wettbewerblichen System wünschenswert wäre. Die Geringschätzung ist Ausdruck des eigenen Versagens. Anderen Akteuren gelingt es seit Jahren nicht, sich zu einer Reform zusammenzuraufen. Der zweite Grund: Der Druck auf Reformen muss bestehen bleiben."

"Blick":

"Endlich tut sich was bei den Krankenkassenprämien!"

"Le Temps":

Die gute Nachricht des Tages ist laut "Le Temps" eigentlich, dass die Explosion der Gesundheitskosten nicht unvermeidbar ist. Die Pharmaindustrie habe dazu ihren Beitrag geleistet. Die Krankenkassen kontrollierten dank besserer IT-Systeme die Rechnungen besser. Und die Versicherten wählten zu 70 Prozent alternative Versicherungsmodelle, um zuerst den Hausarzt zu konsultieren und nicht gleich zum teureren Spezialisten zu rennen. (...) Doch die Reform des Systems bleibe eine zwingende Notwendigkeit. Dabei sollte auch mehr auf Vorbeugung hingearbeitet werden, statt sich nur auf die Patientenversorgung zu konzentrieren.

"24heures":

"Champagner!" schreibt "24heures", da die Prämienerhöhung bei den Krankenkassen auf Gesamtschweizer Ebene diesmal moderat ausgefallen ist. Doch all die grossartigen Reden über die Erfolge der Sparanstrengungen erinnerten an die Jahre 2010 und 2011, als die Prämien leicht zurückgingen und dann im Jahr 2013 erneut angestiegen seien. Doch um die Kosten im Gesundheitswesen nachhaltig zu senken, sei eine Herkules-Aufgabe zu lösen. Alle Akteure im Schweizer Gesundheitswesen seien aufgefordert, ihre Eigeninteressen unter jene der Allgemeinheit zu ordnen. Drei Massnahmen sind laut der Zeitung nun unverzüglich anzugehen - erstens braucht es einen finanziellen Deckel auf dem Gesundheitsbudget. Zweitens sollten integrierte Versorgungswerke ausgebaut werden und drittens, soll das elektronische Patientendossier rasch eingeführt werden. Dann müssen die Champagner-Flaschen auch nicht in den Keller geräumt werden.

"La Tribune de Genève":

Für die Zeitung "La Tribune de Genève" ist die Nachricht über die moderat steigenden Krankenkassenprämien kurz vor den Wahlen nur eine kleine Atempause. In der Schweiz, wo 12,2 Prozent der Wirtschaftskraft für das Gesundheitswesen aufgewendet würden, deutet Vieles auf ein ineffizientes System hin. Ein Problem dabei sei die schlechte Arbeitsteilung zwischen dem Bund und den Kantonen. Die beiden Bundeskammern legten die rechtlichen Rahmenbedingungen fest - ohne, dass sich der Bund nennenswert an den Kosten beteilige. Viel schlimmer sei sogar, dass die Kantonen die medizinische Grundversorgung nicht wirklich selbst regeln dürften.

Quelle: sda
veröffentlicht: 25. September 2019 07:25
aktualisiert: 25. September 2019 07:27