Patienten im Spital

Lungenentzündungen nehmen schweizweit stark zu

Bettina Zanni, 4. Oktober 2022, 09:54 Uhr
Zurzeit liegen zunehmend Patientinnen und Patienten mit einer Lungenentzündung in Schweizer Spitälern. Es seien so viele wie seit zwei Jahren nicht mehr, sagt Martin Brutsche, Chefarzt Pneumologie am Kantonsspital St.Gallen.
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Noch nie war die Bevölkerung so krank und gleichzeitig so gesund wie zwischen den Jahren 2020 und 2022. In der Pandemie infizierten sich in der Schweiz mehrere Millionen Menschen mit dem Coronavirus, Hunderttausende erkrankten daran. Dagegen blieb die Grippewelle aus und kaum jemand erwischte eine Erkältung.

Seit dem Fall der Hygienemassnahmen im letzten April haben Viren und Bakterien jedoch wieder freie Bahn. Dabei haben nicht nur Erkältungen zugenommen. Auch klassische Lungenentzündungen – also solche, die nicht von einer Coronainfektion ausgelöst wurden – sind auf dem Vormarsch.

Doppelt so viele Fälle wie in der Pandemie

Martin Brutsche, Chefarzt Pneumologie am Kantonsspital St.Gallen, spricht von einem klaren Trend nach oben. «In der ganzen Schweiz liegen zurzeit so viele Patientinnen und Patienten mit einer Lungenentzündung im Spital wie seit zwei Jahren nicht mehr», sagt er. Die Betten im Lungenzentrum am Kantonsspital St.Gallen seien unter anderem aufgrund der vermehrten Behandlungen wegen Lungenentzündungen aktuell voll belegt.

Vor wenigen Tagen war der Anstieg bei den Lungenentzündungen auch Thema an einem Schweizer Ärztekongress. Ein Forscherteam aus St.Gallen verglich laut Brutsche die Jahre zwischen 2015 und 2019 mit dem ersten Covid-Jahr 2020.

«Es zeigte sich, dass sich in der Pandemie schweizweit die Zahl der Spitaleinweisungen wegen Lungenentzündungen fast halbiert hat», sagt Brutsche. Nun hätten die Fälle wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht. Etwa im Jahr 2019 zählte das Bundesamt für Statistik (BFS) bei den Hospitalisierungen rund 49'000 Pneumonien und 36'000 im Jahr 2011.

Spitäler unter Druck

Nach zwei Jahren geht die Bevölkerung erstmals wieder komplett ohne Hygienemassnahmen in die kältere Jahreszeit. «Vor allem Menschen mit einem geschwächten Immunsystem werden dadurch anfälliger für Lungenentzündungen», sagt Brutsche. Ab und zu könne es aber auch einen jungen, gesunden Menschen erwischen.

Patientinnen und Patienten mit Lungenentzündung bleiben im Schnitt eine Woche im Spital. Der Anstieg bei den Lungenentzündungen stellt die Spitäler vor Herausforderungen. Der Pflegekräftemangel sei nach wie vor ausgeprägt, sagt Brutsche. «Der Druck auf die Stationen in gewissen Spitälern wird grösser.» Damit steige auch der Druck, Erkrankte möglichst frühzeitig in Rehas oder andere Spitäler zu verlegen oder mit pflegerischer Unterstützung früh nach Hause zu schicken.

Spitze des Eisbergs?

Laut Brutsche können die meisten Lungenentzündungen ambulant behandelt werden. Die Zunahme von Patientinnen und Patienten mit Lungenentzündung in den Spitälern dürfte daher nur die Spitze des Eisbergs sein.

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 3. Oktober 2022 16:21
aktualisiert: 4. Oktober 2022 09:54