Ukraine-Konflikt

Michail Schischkin: «Die Schweiz sollte alle Sanktionen mittragen»

25. Februar 2022, 19:57 Uhr
Vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat der in der Schweiz lebende russische Autor Michail Schischkin seit langem gewarnt. Die einzige Lösung, den Krieg zu beenden, sieht er darin, dass der Westen die russischen Milliarden auf den Konten im Westen einfriert.
«Die Seele des kriminellen russischen Regimes versteckt sich in den westlichen Banken», sagt der russische Autor Michail Schischkin, der in der Schweiz lebt. Von den westlichen Demokratien wünscht er sich, dass sie die russischen Milliarden einfrieren. (Archivbild)
© Keystone/GEORGIOS KEFALAS

Keystone-SDA: Glauben die Menschen in Russland, dass die Ost-Ukraine zum russischen Reich gehört?
Michail Schischkin: Generationen von Menschen sind in der damaligen Sowjetunion im Propagandarausch aufgewachsen, alle Völker der Sowjetunion seien Brüder. Aber wir waren Brüder im ‹Völkergefängnis›. Nach dem Zerfall der Sowjetunion flüchteten alle in die Freiheit. Nun will Putin, der ‹Sammler der russischen Erde› die Ukraine zurück holen. Der besondere Hass des Diktators gegen die Ukraine ist dadurch zu erklären, dass die Ukrainer den Weg der Demokratie wählten.

 Warum bringt den russischen Präsidenten Putin gerade das so auf die Palme?
 Eine florierende demokratische Ukraine wäre ein Vorbild für die Russen. Das kann das Putin'sche Regime sich nicht leisten. Deshalb dieser Krieg.

Gibt es eine Opposition dagegen?
 Die letzte Zeile des berühmten historischen Dramas «Boris Godunow» von Puschkin lautet: «Das Volk schweigt.» Warum gibt es keine Massenproteste? An der Schule des russischen Geheimdienstes KGB hat Putin gelernt, dass Erpressung und Angst Machtmittel sind. Die Überlebenserfahrung von Generationen von Russen ist: Schweigen ist sicherer. Und die Menschen in Russland haben verinnerlicht: Die Macht hängt nicht von der Meinung der Bevölkerung ab, sie ist einfach da oben, und man muss gehorchen, egal welcher Befehl kommt. Der Satiriker Kosma Prutkow sagte schon im 19. Jahrhundert: ‹Ein Mensch gleicht einer Wurst - womit du ihn füllst, das wird er werden.›

Aber in Russland formiert sich dennoch ein «stiller» Protest.
 Ja, wir haben noch ein anderes Russland. Es ist das russische Paradoxon, dass auf einem Territorium zwei verschiedene mentale Völker existieren, die dieselbe Sprache sprechen. Beide nennen sich Russen. Der grössere Teil der Bevölkerung lebt psychologisch noch im Mittelalter. Diese Menschen stellen sich ihre Heimat wie eine rechtgläubige Insel im Ozean der Feinde vor. Der andere Teil lebt im 21. Jahrhundert und ist überzeugt, dass unser Land zur modernen Welt gehört, wo die Menschenrechte und die Freiheit die wichtigsten Werte sind. Aber deren friedliche Proteste können nichts gegen die Gewalt ausrichten.

Das klingt pessimistisch. Wie soll Ihrer Meinung nach der Westen darauf reagieren?
Jetzt ist es allen klar geworden, hoffentlich auch ‹Putinverstehern›, dass die Osterweiterung der NATO den baltischen Staaten das Leben gerettet hat. ‹Sicherheitsinteressen› Russlands sind für Putin nur ein Vorwand. Wer hat die ganze Welt frech angelogen, dass auf der Krim 2014 keine russische Armee war? Solche Worte ernst zu nehmen, das ist eine westliche Tradition. Doch die Worte bedeuten in der russischen Welt nichts. In Russland liest man zwischen den Zeilen.

 Was aber kann der Westen tun, um Putin zu stoppen?
Es gibt nur eine Möglichkeit, diese Kriegsmaschine zu bezwingen. Die Seele des kriminellen russischen Regimes versteckt sich in den westlichen Banken. Die westlichen Demokratien müssen das tun, was sie schon längst hätten tun sollen. Nämlich die eigenen Gesetze anwenden und die bei der russischen Bevölkerung gestohlenen Milliarden auf den Konten im Westen einfrieren. Dieses schmutzige Geld zerfrass in den letzten 20 Jahren die Welt wie Krebs. Das ist die einzige Arznei gegen die Putin'schen Metastasen, die hilft. Dazu kommen unbedingt der SWIFT-Ausschluss und das Öl- und Gasembargo. Ich fürchte nur, der Westen wird hier nachgeben.

Was können wir Schweizerinnen und Schweizer tun? 
Ich habe jahrelang als Dolmetscher mein Brot verdient und ich habe gesehen, wie sich beim grossen Geld der Rechtsstaat sofort auflöst. Investmentmanager und Anwälte freuten sich riesig über die Kunden aus Russland, obwohl sie ganz genau wussten, dass dieses Geld nicht sauber ist. Ich habe immer laut und deutlich gesagt, die Schweiz müsse die eigenen Gesetze anwenden. Verbrecher und ihre Helfershelfer gehören ins Gefängnis, statt als Kunden hofiert zu werden. Der Schweizer Staat hat zu lange als Geldwäsche-Maschine funktioniert. Von zumindest einem Teil des schmutzigen russischen Gelds auf den Schweizer Banken haben letztlich alle profitiert. Schweizer Politiker sollten sich entschuldigen, dass sie so lange weggeschaut haben, dass die eigenen Gesetze nicht angewendet wurden. Ausserdem sollte die Schweiz alle Sanktionen mittragen.

Zu Michail Schischkin:

Michail (oder Mikhail) Pawlowitsch Schischkin wurde 1961 in der russischen Hauptstadt Moskau geboren. Er heiratete eine Schweizerin und lebt seit 1994 in der Schweiz. Mit seiner zweiten Frau und seiner Familie wohnt er heute im solothurnischen Kleinlützel. Der Schriftsteller hat viele Romane und politische Aufsätze geschrieben, für die er mehrere russische und Schweizer Literatur-Preise erhielt. In Russland ist er dank digitaler Verbreitung seiner Werke ein Bestseller-Autor. Sein jüngstes Werk «Frieden oder Krieg. Russland und der Westen - eine Annäherung» schrieb er gemeinsam mit dem deutschen Fernsehkorrespondenten Fritz Pleitgen.

Quelle: sda
veröffentlicht: 25. Februar 2022 19:57
aktualisiert: 25. Februar 2022 19:57
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