Design

Mode-Suisse-Show: exklusiver Müssiggang statt Fast-Fashion

7. September 2020, 12:06 Uhr
In Zeiten von Corona ist die aktuelle Ausgabe der Mode-Suisse kleiner als auch schon: 10 Schweizer Designermode-Labels und 20 Models nehmen teil.
© Keystone/ENNIO LEANZA
Die Mode Suisse: Mode-Design unter der Autobahnbrücke in der alten Seidenfärberei in Zürich. 300 Interessierte und Fachleute können am heutigen Montag gleichzeitig bis 21 Uhr zirkulieren.

Bereits am Sonntag war Fitting-Day: Es wimmelt und schimmert in der alten Seidenfärberei an der Lessingstrasse 15. Nach all den enthaltsamen Designmonaten in Corona-Zeiten bekommt man Lust, die einen und anderen Exponate anzufassen.

Beispielsweise die Harnische aus Leder von Amorphose, die ebenso starr wie geschmeidig wirken. Jeder wird vom Chefdesigner in Lugano während 24 Stunden von Hand genäht, mit derselben Technik wie die Lenkräder von Luxusautos. Er habe sich während der letzten Monate gefragt, was Mode heutzutage leisten könne, sagt Giancarlo Bello. Resultat: Farben, Formen und Schönheit in den Alltag geben.

Die bunten Harnische könnten zu Hause auf Sockeln parkiert werden, bis sich eine glamouröse Gelegenheit bietet. Wobei einige der üppigen Haute-Couture-Looks von Amorphose sich jederzeit gut als Distanzhalter auf der Strasse machen würden. Mode als Objekt? Mode auch als Schmuck, Brille, Foulard, Teppich, wie sich an der Mode-Suisse herausstellen wird, an der 20 Models und zehn Designer-Labels.

Sichtbarkeit von Schweizer Design

Anfang März fand die letzte Ausgabe statt. Sie musste wegen der Pandemie über Nacht umgestaltet werden: vom Hauptbahnhof mit vielen Passanten ins Landesmuseum mit wenigen Gästen. Seither machen vor allem Masken als Accessoires von sich Reden. Doch für Yannick Aellen, Initiator und Gründer von Mode Suisse, war immer klar, dass es im September zu einem Modetreffen kommen soll. Schweizer Design muss sichtbar bleiben und der Produktionsstandort weiter gestärkt werden, so sein Credo.

«Im Juli haben wir relativ salopp per Mail, WhatsApp und Telefon juriert», sagt Yannick Aellen hinter der Maske im Gespräch mit Keystone-SDA. Es seien weniger Dossiers eingegangen; junge Labels hätten es derzeit schwerer, ins Modebusiness einzusteigen. So bildet Luca Xavier Tanner eine Ausnahme neben Amorphose, Garnison, KDH1932, Klaesi Holdener x Sol Sol Ito, Mourjjan x Vanto, Nina Yuun, Nomadissem, Studio 5 und ak lebinôme-HEAD-Genève.

Seide ist der Stoff des ältesten Teilnehmers: Mourjjan aus Zürich. Auf den feierlichen Kaftanen steht #reset #reinvent #rethink in irisierenden Farben. Die Kollektion wird erst im kommenden Frühling erhältlich sein; doch die drei Worte würden von jetzt bis in Ewigkeit gelten, sagt der Designer. Bis vor kurzem war das Label im Warenhaus Globus erhältlich. Nun hat man sich beim Dolder-Waldhaus eingerichtet.

Neu bei Mode Suisse ist KDH1932 alias Kandahar. Nebst den klassischen Luxus-Bergschuhen entwirft man jetzt regelrechte Fusskleider: «Helvetia» hat Plateausohlen aus handgeschnitztem Nussbaumholz. «Arcus» fällt durch Rüschen in Regenbogenfarben auf und «Patria» könnten als urbane Fischerstiefel durchgehen. Wegweisend sind derzeit wohl die elegant-klobigen «Viator»-Boots.

Corona bringt kreative Freiheit

Der Schock im Frühjahr sei eine Chance, findet Yannick Aellen. Seit Jahren rede die Modewelt von Nachhaltigkeit. Jetzt sei man gezwungen, die internationalen Modewochen zu überdenken. Alle könnten neue Formate ausprobieren und niemand erwartete 60 bis 70 Looks. Diese kreative Freiheit hätten sich Designer insgeheim schon lange gewünscht. Gucci-Chefdesigner Alessandro Michele liess jedenfalls verlauteten, er plane statt fünf künftig zwei Shows. Und zwar zu jenem Zeitpunkt, der ihm richtig erscheine.

Alles ist möglich und gleichzeitig offen. Auch ob Ende September die Paris Fashion Week stattfinden kann. Für diese Zeit wäre der DACH-Showroom in Paris angesagt - die gemeinsame Modeplattform von Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zu den drei Schweizer Labels gehören: Kandahar mit neuen und bewährten Fusskleidern; Klaesi Holdener mit «smarter Fashion für den informierten Mann»; Julia Heuer mit Plissee-Kleidern, die zwischen Missoni und Issey Miyake oszillieren. Vor einem Jahr hat sich die Designerin durch die physische Präsenz zwanzig neue Verkaufsshops gesichert. Jetzt hängt die neue Kollektion in der Luft. Das einzige, was ganz sicher ist: wenn nicht physisch in Paris, dann eröffnet zumindest der Showroom im Internet.

Doch nichts geht über die Haptik, den Duft, das Live-Erlebnis. Yannick Aellen wird zu einem Fotoportrait gebeten. Der Mode-Suisse-Direktor schreitet durch die Halle zur Kollektion des jungen Labels ak lebinôme, nimmt eine graue, samtweiche XL-Cordjacke von der Stange, in welcher er dann locker posiert.

www.dachshowroom.com

Quelle: sda
veröffentlicht: 7. September 2020 12:05
aktualisiert: 7. September 2020 12:06