Schweiz

Nicola Spirig macht bis zu den Olympischen Spielen in Tokio weiter – und geniesst als dreifache Mutter den Luxus der Neugierde

Simon Häring, 11. Juni 2020, 12:31 Uhr
Nicola Spirig setzt ihre Karriere bis zu den Olympischen Spielen 2021 in Tokio fort. Und strebt dort ihre dritte Medaille nach 2012 und 2016 an.
© Keystone
Nicola Spirig strebt im kommenden Jahr als dreifache Mutter ihre dritte Olympia-Medaille an. Und sie hat bereits klare Vorstellungen, wie das Rennen in Tokio ablaufen wird. Sie überlässt dabei nichts dem Zufall.

Nur einmal schüttelt sie an diesem Mittwochmorgen in Zürich kurz den Kopf und schmunzelt, als ihr Trainer Brett Sutton die Anekdote erzählt, dass er geplant hatte, nach den Olympischen Spielen 2012 in Rente zu gehen, doch Nicola Spirig lässt ihn nicht. «Wir haben das, was man eine Hassliebe nennt», sagt Sutton, und lässt sich dann zu etwas hinreissen, das bei ihm selten ist: einem flammenden Appell, ein Lob, und sagt: «Ich habe noch nie eine Athletin mit so viel Selbstdisziplin gesehen.»

Es ist auch die Eigenschaft, die sie durch die Ungewissheit navigiert hat, sie jeden Tag trainieren liess, als wäre die Welt um uns herum nicht aus den Fugen geraten, bis bestätigt war, was irgendwann unumgänglich wurde: die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio um ein Jahr. Nicola Spirig ist zweifache Medaillen-Gewinnerin an Olympischen Spielen, sechsfache Europameisterin, seit letztem April dreifache Mutter, 38 Jahre alt und die Ernährerin der Familie. Sie stellte sich die Frage: Wie weiter?

Die Rückendeckung von Ehemann Reto Hug

Nicola Spirig mit Ehemann Reto Hug, Söhnchen Yannis, Töchterchen Malea (unten), und Alexis, der im letzten April zur Welt kam.
© Instagram/Nicola Spirig

Sie nahm sich Zeit, führte Gespräche. «Ich habe mich gefragt: ‹Habe ich noch die Energie und die Motivation, auch in den Wintermonaten, in denen es härter wird?›» Vor allem aber sagt sie, es sei ein Entscheid, der nicht nur für sie, sondern für die Familie stimmen müsse. An diesem Tag spricht auch ihr Mann, Reto Hug, früher selbst Triathlet von Weltklasseformat, und der von sich sagt, er überlasse das Rampenlicht lieber seiner Frau. Noch ein Zeichen der Einigkeit, über das Spirig sagt, es habe sie berührt.

Es hat geholfen, um die ganze Unsicherheiten und Fragen, die durch die Verschiebung der Olympischen Spiele aufgekommen sind, zu klären. Bis Ende August unterstützte eine Teilzeitnanny die Familie in der Betreuung der Kinder, dazu hatten sie am Trainingsstützpunkt in St. Moritz eine Wohnung gemietet. Nichts wurde dem Zufall überlassen, alles war perfekt geplant. Auch die dritte Schwangerschaft, die ihr wichtiger war als die sportlichen Ambitionen. Im April 2019 kam Sohn Alexis zur Welt.

Kurventraining mit Radprofi Michael Albasini

Nun bleibt sogar Zeit, um an Details zu feilen. Schon jetzt haben Spirig und ihr Trainer eine klare Vorstellung davon, wie das Rennen im Sommer 2021 ablaufen wird. Im Schwimmen werde sich eine Sechsergruppe absetzen, zu der sie nicht gehöre. Auf dem Rad will sie die Konkurrentinnen einholen, und vielleicht sogar abhängen. Die Strecke ist flach, aber kurvig. Deshalb hat Spirig Radprofi Michael Albasini angefragt, um mit ihr an der Technik zu feilen. Spirig sagt: Obwohl ich so lange schon Triathlon mache, stelle ich mir noch immer die Frage: ‹Wie kann ich noch besser werden?›

2012 gewann Nicola Spirig in London im Schlussspurt Olympia-Gold.
© Keystone

Es ist der Luxus der Neugierde, den sie sich leisten kann. Weil die Familie, weil die Sponsoren, weil ihre Trainer ihren Weg unterstützen und mit ihr gehen möchten. Brett Sutton sagt: «Ich kenne Nicola seit 24 Jahren, seit 20 Jahren ist sie mit Reto zusammen, seit 15 Jahren bin ich ihr Trainer. Sie ist so erfolgreich, weil sie drei Dinge mitbringt: Unterstützung, Training und Demut.» Für ihn sei es wichtig wichtig, dass Spirig bei ihren fünften und wohl letzten Olympischen Spielen wieder aufs Podest wolle.

Nicola Spirig schüttelt zum zweiten Mal an diesem Vormittag den Kopf, schmunzelt und sagt dann: «Einfach dabei sein, reicht nicht. Ich möchte zurückschauen können und sagen: Ich habe mein Allerbestes gegeben.» Was nach ihren Massstäben nur heissen kann, dass sie eine Medaille anstrebt. 2012 in London gewann sie Gold. 2016 in Rio de Janeiro Silber. In Tokio strebt sie ihre dritte Olympia-Medaille an, diesmal als dreifache Mutter. Aller guten Dinge sind drei, in Nicola Spirigs Leben und im Sport.

Spirig mit Trainer Brett Sutton, mit dem sie eine «Hassliebe» verbinde.
© Keystone
Simon Häring
Quelle: CH Media
veröffentlicht: 10. Juni 2020 13:00
aktualisiert: 11. Juni 2020 12:31