Schweiz

Opfer der Erdbebenkatastrophe kämpfen mit der Schweizer Bürokratie

Visa für Betroffene

Opfer der Erdbebenkatastrophe kämpfen mit der Schweizer Bürokratie

13.02.2023, 18:34 Uhr
· Online seit 13.02.2023, 18:25 Uhr
Türkinnen und Türken sollen bei der Visa-Vergabe für die Schweiz prioritär behandelt werden, verspricht der Bund. Damit soll ihnen rascher ermöglicht werden, vorübergehend bei Verwandten in der Schweiz unterzukommen. In der Praxis stehen sie aber vor zahlreichen Hürden. Eine Betroffene erzählt.

Quelle: CH Media Video Unit / Melissa Schumacher

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Um ein beschleunigtes Visum-Verfahren zu durchlaufen, müssen Betroffene ein Formular ausfüllen. Filiz B. hat Erfahrungen mit diesem Prozess gesammelt. Die Aargauerin hat mehrere Angehörige im türkischen Erdbebengebiet, die Hilfe benötigen.

«Die Menschen sind stark betroffen», sagt B. im Gespräch mit der Redaktion. Ein Teil ihrer Familie habe das Haus verloren und lebe momentan in einer Garage. Andere Angehörige seien in ungeheizten Zelten untergekommen. Die Belastungen seien enorm, einerseits durch die Zerstörungen, andererseits durch die psychischen Folgen des Erdbebens.

Viele offene Fragen zum Visum-Prozess

Angesichts der Zustände vor Ort möchte B., die durch die Katastrophe auch Familienmitglieder verloren hat, Überlebende in die Schweiz holen. Den Visum-Prozess kritisiert sie. Das Formular des Staatssekretariats für Migration habe sie zwar ausgefüllt, doch lasse es sie vor allem mit Fragen zurück.

Zunächst sei nicht klar, wessen Angaben im Formular eingetragen werden müssten: die der Antragstellerin in der Schweiz oder die der Personen, die in die Schweiz kommen möchten. Sie habe hierzu von unterschiedlichen kantonalen Amtsstellen verschiedene Angaben erhalten, berichtet B.

Notpässe sind schwer zu bekommen

Zweitens werde für das Formular eine Passnummer verlangt. «Die Leute dort haben alles verloren. Sie haben keine Papiere, kein Geld». Die Pässe lägen zum Teil unter den Trümmern. Neue Ausweise zu besorgen, sei unter den Bedingungen vor Ort nicht möglich. Dazu kämen Sprachbarrieren und die Tatsache, dass viele der Betroffenen gebrechlich und mit der Situation überfordert seien.

Ein Ausweisdokument ist für die Einreise in die Schweiz aber zwingend nötig, wie Reto Korman vom Staatssekretariat für Migration auf Anfrage klarstellt. Hier seien die lokalen Behörden gefragt. «Wir sind bei der Identifikation der Personen auf die Zusammenarbeit mit der Türkei angewiesen», so Korman. Die Ausstellung von Notpässen sei aber unbürokratisch möglich, habe man der Schweiz versprochen.

«Jeder schaut für sich, wie er dort rauskommt»

Drittens gebe es kein Feedback, ob das Formular richtig ausgefüllt wurde und wie der Stand sei, kritisiert B. Das türkische Konsulat habe sie auch nach drei Tagen nicht kontaktiert. Auch von den Schweizer Behörden gibt es nach Ansicht der Aargauerin zu wenig Informationen über das weitere Vorgehen.

Dabei sei die Hilfe dringend notwendig. Die Situation in den Erdbebengebieten verschlechtere sich. Läden und Häuser würden geplündert, die Gewalt nehme zu, es drohe sogar ein Bürgerkrieg, berichtet B. von den Erfahrungen ihrer Familie. In dieser Situation wollten viele Menschen nur noch weg: «Jeder schaut für sich, wie er dort rauskommt.»

(Livia Middendorp/sda/osc)

veröffentlicht: 13. Februar 2023 18:25
aktualisiert: 13. Februar 2023 18:34
Quelle: Today-Zentralredaktion

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