Münsingen

Psychiatriezentrum entlässt Direktor und stellt keine Kirschblütler mehr an

21. Juni 2022, 14:53 Uhr
Führungsschwächen und Mängel in der Organisation – das zeigt eine Untersuchung des Psychiatriezentrums in Münsingen. Das Zentrum trennt sich nun von seinem Direktor, der eine Beziehung zu einer Kirschblütlerin führte. Mitglieder der sektenähnlichen Gemeinschaft waren dort angestellt.

Das Psychiatriezentrum in Münsingen im Kanton Bern stellt keine Mitglieder der umstrittenen Kirschblüten-Gemeinschaft mehr an. Das hat die Leitung des Psychiatriezentrums nach Abschluss einer unabhängigen Untersuchung beschlossen.

Diese habe auch Führungsschwächen und organisatorische Mängel aufgezeigt, gab das PZM am Dienstag vor den Medien bekannt. Der Untersuchungsbericht von vier aussenstehenden Experten wird aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht veröffentlicht.

Klar ist, dass sich das Psychiatriezentrum von seinem ärztlichen Direktor Thomas Reisch trennt. Für eine weitere Zusammenarbeit fehle die gemeinsame Basis. Auf Nachfrage sagte Verwaltungsratspräsident Jean-Marc Lüthi dazu lediglich, es handle sich um ein Führungsproblem.

Direktor führte Beziehung mit Kirschblütlerin

Reisch hatte intern darüber informiert, dass er eine Beziehung mit einer «Kirschblütlerin» führe. Er distanzierte sich aber selber von den umstrittenen Therapien, die bei der Gemeinschaft zur Anwendung kommen sollen. Reisch ist schon seit Februar von seinen Aufgaben am PZM befreit.

Damals war die Beschäftigung von «Kirschblütlern» in Münsingen durch Medien aufgedeckt worden. Zwei Psychiaterinnen und eine Psychologin hatten während mehrerer Jahre in Münsingen gearbeitet.

Die Therapieformen der Gemeinschaft sind umstritten. So ist in Medienberichten immer wieder die Rede von Sexualpraktiken und illegalen Drogen.

«Kein Fehlverhalten» bei Fachpersonen

Die im Februar vom PZM eingeleitete Untersuchung ergab, dass sich die drei Fachpersonen «absolut kein Fehlverhalten» zuschulden kommen liessen, wie es Verwaltungsratspräsident Lüthi formulierte. Umstrittene Therapien seien weder angewandt noch propagiert worden. Patienten seien keine zu Schaden gekommen.

Vorderhand werde man aber keine «Kirschblütler» mehr anstellen und erst einmal das Gespräch mit dem Kanton und den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern suchen. Das PZM distanziert sich von den «pseudowissenschaftlichen Praktiken» der Gemeinschaft, will aber an seiner diskriminierungsfreien Anstellungspraxis festhalten.

Externe Stelle soll genauer hinschauen

Die externen Experten deckten laut PZM auch organisatorische und führungsspezifische Schwachstellen auf. Die Unternehmensspitze zieht daraus den Schluss, dass man auch die eigene Führungskultur verbessern müsse.

Weiter wird die ärztliche Direktion künftig nicht mehr durch eine Einzelperson mit Doppelfunktion wahrgenommen, sondern durch eine kollegial zusammengesetzte ärztliche Direktion. Reisch war zugleich Klinikdirektor und Chefarzt der Klinik für Depression und Angst.

Ausserdem wird eine externe, anonyme Meldestelle geschaffen. Mitarbeitende sollen hier Probleme und mögliches Fehlverhalten melden können.

Auch Kanton lässt untersuchen

Noch im Gang ist eine weitere Untersuchung, die der Kanton Bern in Auftrag gegeben hat. Ein St.Galler Experte soll Medienberichten nachgehen, wonach in Münsingen wegen Personalmangels häufiger freiheitsbeschränkende Massnahmen wie Isolation oder Fixierung angewendet wurden.

Das Psychiatriezentrum Münsingen gehört zu den grössten psychiatrischen Kliniken der Schweiz. Jährlich werden über 3100 Patientinnen und Patienten behandelt.

(log/sda)

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 21. Juni 2022 14:10
aktualisiert: 21. Juni 2022 14:53
Anzeige