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Spitzensport

Ständerat will unabhängige Meldestelle für Sport-Opfer

8. Dezember 2020, 11:39 Uhr
Der Ständerat hat sich als Erstrat für die Schaffung einer unabhängigen Meldestelle für Opfer von Missständen im Sport ausgesprochen. Auslöser sind die sogenannten «Magglinger Protokolle», die Ende Oktober im «Magazin» der Tamedia-Medien veröffentlicht wurden.
Der Glanz des Erfolges hat eine Kehrseite. Eine unabhängige Meldestelle soll künftig Anlaufstelle sein für psychisch und physisch misshandelte Sportlerinnen und Sportler. Im Bild die ehemalige Spitzenturnerin Ariella Kaeslin als frischgebackene Sportlerin des Jahres 2009. (Archivbild)
© KEYSTONE/WALTER BIERI

Darin hatten acht ehemalige Spitzen-Turnerinnen geschildert, wie sie im Leistungszentrum in Magglingen BE psychisch und physisch misshandelt worden seien. Seither gab es im Turnverband zahlreiche Rücktritte.

Nach einer intensiven und kontroversen Debatte nahm der Ständerat mit 26 zu 17 Stimmen und einer Enthaltung eine Motion seiner Bildungskommission (WBK-S) für eine unabhängige Meldestelle an. Das Thema bewegte die Mitglieder der kleinen Kammer hörbar, ob sie für oder gegen die Motion waren. Diese geht nun in den Nationalrat.

«Die Protokolle haben uns alle aufgerüttelt», sagte Kommissionspräsident Hannes Germann (SVP/SH) am Dienstag. Die Vorfälle hätten ein «Ausmass, das ich mir nie hätte vorstellen können», fügte Eva Herzog (SP/BS) hinzu.

Die WBK-S hat deshalb nach Hearings mit Vertretern des Schweizerischen Turnverbandes (STV), von Swiss Olympic und dem Bundesamt für Sport (Baspo) in der Motion die Schaffung einer unabhängigen nationale Anlauf- oder Meldestelle für Opfer von Missständen im Sportbereich gefordert.

Unterdrückung ist nicht tolerierbar

Ziel sei es in erster Linie, die Trainingskultur zu ändern, um Missstände zu verhindern respektive zu minimieren, sagte Germann. Diese soll helfen, die Rechte der Athletinnen und Athleten zu stärken. Eine Kultur der Unterdrückung sei nicht tolerierbar, so Maya Graf (Grüne/BL).

Eine Minderheit lehnt die Motion ab. Diese renne offene Türen ein und verzögere den Start der Meldestelle, sagte Jakob Stark (SVP/TG). Ruedi Noser (FDP/ZH) zeigte sich erstaunt, dass in diesem Zusammenhang niemand die Eltern der Kinder und Jugendlichen erwähne. Jene, die die Obhut hätten, müssten zuerst in die Pflicht genommen werden. Auch Eltern mit grossem Ehrgeiz müssten genau hinschauen.

Herzog wiederum räumte ein, die Meldestelle werde die Probleme nicht «von alleine und von heute auf morgen lösen». Sie sei aber ein erster Schritt. Der Rat dürfe die Spitzensportlerinnen, die sich geoutet hätten, jetzt nicht hängen lassen. Die Motion sei auch kein Schnellschuss, der Bund müsse jetzt den Lead übernehmen. Die Verbände hätten es bisher nicht geschafft, für Ordnung zu sorgen und die Ethikcharta einzuhalten.

Zu lange weggeschaut

Sportministerin Viola Amherd ihrerseits hatte angekündigt, die Vorwürfe bezüglich der Trainingsmethoden im Nationalen Sportzentrum Magglingen BE extern aufarbeiten zu lassen. Das Bundesamt für Sport habe Swiss Olympic bereits 2019 damit beauftragt, eine solche Untersuchung zu evaluieren und bis Ende 2020 die Ergebnisse vorzulegen.

Nach der Lektüre der «Magglinger Protokolle» sei sie sehr betroffen gewesen, so Amherd im Rat. Das seien Trainingsmethoden, die an längst vergangene Zeiten erinnerten. Für sie sei klar, dass es eine Meldestelle brauche. Die dezentrale Methode funktioniere offenbar zu wenig. Egal, ob der Rat die Motion ablehne und annehme, «die Arbeiten laufen». Die Stelle werde im Januar 2022 operativ sein.

Es gehe nicht an, dass auf Kinder und junge Menschen in der Pubertät so unglaublich viel Druck ausgeübt werde, dass sie total verunsichert seien und kein Selbstvertrauen mehr hätten, sagte Amherd. Die Verantwortlichen in den Sportverbänden und in der Politik hätten zu lange weggeschaut.

Quelle: sda
veröffentlicht: 12. Dezember 2020 10:08
aktualisiert: 8. Dezember 2020 11:39