Pseudo-Veganer?

Veganerinnen und Veganer hadern mit ihrer Haustierliebe

Bettina Zanni, 29. November 2022, 23:12 Uhr
Abseits vom Teller zweifeln manche vegane Herrchen und Frauchen an ihren Prinzipien. So ist in der Community umstritten, ob sie Hunde und Katzen halten sollen. Ein Haustier sei nur ein Produkt der Menschen zum Spass, kritisiert jemand.
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Plötzlich erscheint ihnen das Tofu-Schnitzel auf dem Teller heuchlerisch. Das Frauchen hat Bello soeben befohlen, brav neben dem Tisch «Platz» zu machen. Und wenige Minuten zuvor regte sich das Herrchen darüber auf, dass der Hund schon wieder dem veganen Fertigfutter ein Würstchen vorgezogen hatte.

Abseits vom Teller können manche Veganerinnen und Veganer mit ihrer Haustierliebe hadern. Kürzlich fragte die Vegane Gesellschaft Schweiz auf Instagram: «Habt ihr euch auch schon gefragt, ob es als Veganer*in eigentlich ok ist, mit Hund, Katze & Co unter einem Dach zu leben? Oder widerspricht das dem veganen Gedanken?» Die Userinnen und User sind gespaltener Meinung.

«Nur ein Produkt von uns Menschen»

Ein User sieht die Haustiere den Menschen ausgeliefert. «Ein Haustier ist doch auch nur ein Produkt von uns Menschen. Zum Spass, zum guten Gefühl, zum Nutzen. Gezüchtet nach unserem Gusto», schreibt er. Werde es nicht mehr gebraucht, werde es entsorgt.

«Haustiere zu ‹halten› ist sicher nicht ok», findet jemand. Mit Tieren zusammenzuleben, zu denen man eine auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehung habe, die sich selber sein dürften und die nicht der eigenen Bedürfnisbefriedigung dienten, sei etwas Wertvolles. «Die Haustierindustrie beruht auf der impliziten Annahme, Tiere seien auch nur Waren, durch die wir Dinge wie Naturverbundenheit, Zuneigung und Liebe konsumieren (!) können.» Die Kritikerin fordert, dass dieses Mindset verschwindet. «Damit wir nicht mehr ‹Haustiere halten›, sondern mit anderen Tieren zusammenleben.»

«Hunde wären ohne Adoption verhungert»

Die meisten veganen Userinnen und User sind jedoch der Meinung, dass die Frauchen und Herrchen Haustiere halten dürfen, sofern sie bestimmte Bedingungen erfüllen. «Finde schon, dass es als Veganer legitim ist, ein Tier zu halten», schreibt eine Hundebesitzerin. Dies sei insbesondere der Fall, wenn ein Tier gerettet worden sei. «Alle Hunde, die ich bisher hatte, lebten irgendwo auf der Strasse und wären ohne die Adoption verhungert. Das Tier hat in einer guten Haltung einen Mehrwert, der übrigens für beide gilt.»

Für andere rechtfertigt veganes Futter die Haustierhaltung. «Hunde und Katzen gibt es nur wegen uns Menschen. Also tragen wir auch die Verantwortung dafür!», schreibt jemand. Mit der heutigen Produktion von tierischen Lebensmitteln sei klar, dass diese für die Menschen ungesund seien. «Ich bin überzeugt, dass dies auch für unsere Katzen & Hunde der Fall ist, denn sie werden ja mit dem gleichen oder Fleisch von schlechterer Qualität gefüttert.»

Es gibt aber auch vegane Herrchen und Frauchen, die ihren Tieren Fleisch nicht vorenthalten wollen. Sie hätten zwei Katzen, die sich von Katzenfutter ernährten, schreibt eine Userin. «Es käme mir nicht in den Sinn, ihnen das vorzuenthalten, nur, weil ich keines esse.» Ähnlich sieht es ein User: «Das Tier sollte eigentlich selber entscheiden, was es isst. Aber man kann es halt nicht fragen ...»

Fleisch für Bello und Luna?

Die Vegane Gesellschaft empfiehlt in einem Fazit dazu auf ihrem Blog, die eigene Lebenssituation anzuschauen. Dabei könne man sich die Frage stellen, ob man den Willen, die Ressourcen und die Zeit habe, um einem Tier ein schönes Leben zu ermöglichen. Wenn es die persönlichen Umstände zuliessen, sei es toll, einen tierischen Mitbewohner zu haben. «Vor allem, wenn es die bessere Alternative für das Tier ist als die Situation, in der es sich aktuell befindet.»

Auch Veganerinnen und Veganern, die Bello oder Luna Fleisch vom Menüplan gestrichen haben, macht die Gesellschaft kein schlechtes Gewissen. Das Wichtigste bei der Ernährung eines Haustieres sei, dass es alle benötigten Nährstoffe bekomme, schreibt die Gesellschaft. «Wenn sich ein Tier wohlfühlt und gesund ist, spricht also nichts gegen eine vegane Ernährungsweise.» Dazu empfiehlt sie, dies mit einer Ernährungsberatung oder Tierarztpraxis sicherzustellen.

«Veganer mit Haustieren sind eigentlich keine Veganer»

Vegane Menschen verzichten auf den Konsum von tierischen Produkten, weil sie nicht wollen, dass Tiere für sie gequält und getötet werden. Die meisten Veganerinnen und Veganer halten nur die Freiheit für artgerecht. Wie beurteilen Philosophen vegane Menschen, die Hunde an der Leine führen und Katzen Lammragout verfüttern?

Imre Hofmann, Philosoph am Zürcher Institut für Philosophische Praxis, nimmt als Beispiel eine Person, die aus reiner Tierliebe vegan lebt, aber ein Haustier hat. Diese müsse sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie dieses Tier als Mittel zum Zweck und nicht als Selbstzweck behandle. Dies scheine mit der Tierliebe im Widerspruch zu stehen. «Möglicherweise könnte dieser Vorwurf jedoch dadurch entkräftet werden, wenn einem Tier zu Hause die besseren Lebensbedingungen als in der freien Wildbahn geboten werden, was ich jedoch für relativ schwierig halte.»

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 29. November 2022 15:46
aktualisiert: 29. November 2022 23:12