Schweiz

Warum 2022 doch nicht so übel war, wie alle sagen

Krankheit, Krieg und Klimakrise

Warum 2022 doch nicht so übel war, wie alle sagen

31.12.2022, 12:23 Uhr
· Online seit 31.12.2022, 10:44 Uhr
Wieder lassen wir ein Jahr voller Sorgen hinter uns. Trotzdem können wir den negativen Entwicklungen auf dieser Welt viel Positives abgewinnen. Ein Zukunfts- und ein Glücksforscher ermutigen zum positiven Denken.
Anzeige

Die lang ersehnte Entspannung ist im Jahr 2022 ausgeblieben. Kaum konnten die Menschen die Pandemie einigermassen hinter sich lassen, erschütterte Wladimir Putins Angriffskrieg die Ukraine und schockierte den Rest der Welt. Auch begann damit das Zittern vor einer möglichen Strommangellage. Gleichzeitig kämpfen wir mit einer sich verschärfenden Klimakrise.

Ein Vergleich der Zeitungsschlagzeilen zwischen dem 1. November 2019 und dem 1. November 2022 zeigte, wie stark sich die Welt in den letzten drei Jahren ins Negative gedreht hat. Doch trotz allem gibt es keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Ein Zukunftsforscher und ein Glücksforscher zeigen auf, warum es auf der Welt eben doch nicht so schrecklich ist, wie es scheint:

Privilegierte Schweiz

«In der Schweiz sollten wir das Glas zu neun Zehnteln als voll und nicht zu einem Zehntel als leer sehen», sagt Mathias Binswanger, Glücksforscher und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Privatdozent an der Universität St.Gallen. Die Inflation sei viel geringer als im Ausland. Auch habe die Schweiz keine Versorgungsprobleme bei wichtigen Gütern und es sehe so aus, als ob wir ohne Energieknappheit durch den Winter kämen. «Generell leben wir heute nach vielen Kriterien besser, als die Menschen je in der Geschichte gelebt haben.»

Andreas M. Krafft, Studienautor, Zukunftsforscher und Vorstand von Swissfuture, schliesst sich dem an. «In Zeiten der Krise sollte man das Gute in und um uns herum nicht aus den Augen verlieren», sagt er. Die Aufmerksamkeit auf das Gute zu richten, bedeute keineswegs, die Realität zu verneinen oder zu verdrängen. «Sondern es gibt uns die Kraft, die Schwierigkeiten im Leben zu meistern und die Probleme auf der Welt zu lösen.

Mehr Glücksgefühle

«Wir leben bei guter Gesundheit immer länger und müssen uns um grundlegende Bedürfnisse keine Sorgen mehr machen», sagt Mathias Binswanger. Gebe es wieder einmal ein paar Einschränkungen, sei dies alles andere als eine Katastrophe. Die Pandemie hat die Menschen weltweit auf eine harte Probe gestellt. «Durch die erfolgreiche Bewältigung der persönlichen Herausforderungen konnten viele Menschen ihre Stärken besser kennenlernen und eine tiefere Wertschätzung für ihr Leben entwickeln», sagt Andreas M. Krafft. In Krisenzeiten würden uns die wichtigen Dinge im Leben noch bewusster.

Solidarität und Hilfsbereitschaft

Der Ukraine-Krieg wütet seit bald einem Jahr und betrübt die Menschen nach wie vor. Die gute Nachricht ist laut Andreas M. Krafft: die allgemeine Empörung und Ablehnung von Krieg sowie die grosse Solidarität und Hilfsbereitschaft der meisten Staaten und Menschen gegenüber der ukrainischen Bevölkerung und den Flüchtlingen. «Das scheint heutzutage selbstverständlich zu sein, ist es aber nicht.»

Krafft erinnert daran, dass sich die Bevölkerung in Europa noch vor rund 100 Jahren für den Krieg habe begeistern lassen. Dieser schien ein legitimes Mittel für die Durchsetzung nationaler Interessen gewesen zu sein. Flüchtlinge, die in der Schweiz Schutz gesuchte hätten, seien wieder abgeschoben worden. Dies sei im 21. Jahrhundert nicht mehr der Fall. «Die allermeisten Menschen in diesem Jahrhundert verpönen Gewalt, Willkür und Diktaturen. Sie sehnen sich nach Frieden und Harmonie und setzen sich, wo immer möglich, dafür ein.»

Neue Chancen

In einer Krise scheint die Situation manchmal ausweglos. Für Andreas M. Krafft steht jedoch fest: «Jede Krise kann eine Gefahr darstellen und Ängste auslösen, sie kann aber auch neue Chancen eröffnen und die Menschen mit grosser Hoffnung erfüllen.» Neue Ideen und Ansätze könnten positive Impulse für eine tiefgreifende Veränderung der Welt als Ganzes setzen. «Meistens sind Krisen die Voraussetzung für persönliches Wachstum, weil sie uns aus der Reserve locken und wir erfinderisch werden.» Auch das aktuelle Chancenbarometer Strategiedialog 21 zeigt, dass Schweizerinnen und Schweizer etwa die Klimakrise und die Herausforderungen im Gesundheitssystem als Chancen für positive Veränderungen sehen.

Alternative Energiequellen schneller entwickelt

Der Glaube an unbegrenzte natürliche Ressourcen und Energiequellen führte dazu, dass die Menschen diese ausbeuteten und verschwendeten. Andreas M. Krafft deutet die aktuelle Energiekrise als natürliche Folge mangelnder Achtsamkeit. «Die gute Nachricht ist: Die notwendige Transformation wird durch die Energiekrise möglicherweise beschleunigt.» Das Bewusstsein für die Entwicklung alternativer Energiequellen steige. Gleichzeitig würden neue Technologien entwickelt.

Irrelevante Katastrophen

Viele Menschen klagen, «noch nie so schlimme Zeiten wie jetzt» erlebt zu haben. Laut Mathias Binswanger macht es aber wenig Sinn, sich täglich mit allen Katastrophen und angeblichen Katastrophen dieser Welt medial überfluten zu lassen. «Darauf haben wir keinen Einfluss und es ist für unser tägliches Leben in den meisten Fällen irrelevant.»

veröffentlicht: 31. Dezember 2022 10:44
aktualisiert: 31. Dezember 2022 12:23
Quelle: Today-Zentralredaktion

Anzeige
Anzeige