Dunkle Mächte

Was Kritiker von Verschwörungstheoretikern unterscheidet

Martina Odermatt, 1. November 2020, 15:05 Uhr
Bill Gates, gezüchtetes Virus oder dunkle Mächte: In unsicheren Zeiten haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Was sind die Gründe und wie kam man Verschwörungstheoretikern begegnen? Wir haben bei einem Experten nachgefragt.
Verschwörungstheoretiker vermuten in der «Area 51» Forschungen mit Ausserirdischen. (Symbolbild)
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Schützen Masken, oder schützen sie nicht? Will der Bund die Freiheit der Bevölkerung eingrenzen oder hält er sich nur an die Gesetze? Ist das Coronavirus einfach eine Grippe oder doch ernst zu nehmen? In Krisenzeiten wie der aktuellen Pandemie werden solche Fragen rege diskutiert. Verständlich, beeinflussen sie doch unser tägliches Leben. Händeschütteln, Freunde umarmen, in den Ausgang gehen: Was bis vor ein paar Monaten noch selbstverständlich war, das wird heute mit bösen Blicken bestraft oder gar schlicht verboten.

Was sich bei diesen Diskussionen aber auch zeigt: Alle sind Experten in diesem Thema. Jede und jeder weiss es besser als der andere. Dabei werden schon mal abstruse Argumente verbreitet. Doch, wer ist einfach kritisch und wer ist ein Verschwörungstheoretiker? Wir haben nachgefragt.

Patrick Kury ist Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Neueste und Schweizer Geschichte an der Universität Luzern.

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Patrick Kury ist Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Neueste und Schweizer Geschichte an der Uni Luzern. Patrick Kury, was ist ein Verschwörungstheoretiker?

Ein Verschwörungstheoretiker ist nach allgemeinem Verständnis eine Person, die Ereignisse und komplexe Sachverhalte mit allgemeinen, oberflächlichen vermeintlichen Antworten erklärt und verbreitet und alle Fragen mit seiner Theorie erklären kann. Zentral dabei ist die Vorstellung, dass im Hintergrund dunkle Mächte die Fäden ziehen.

Und wie unterscheidet sich ein Verschwörungstheoretiker von einem kritisch eingestellten Menschen? Gehören Leute, die sich gegen Masken oder die Massnahmen des Bundes weigern, auch zu Verschwörungstheoretikern? Oder sind das einfach kritische Menschen?

Man kann das nicht allgemein beantworten. Selbstverständlich darf man Kritik üben und so darf man beispielsweise auch die Massnahmen des Bundes kritisieren. Doch sollte dabei auch beachtet werden, dass es Gesetze, namentlich das Pandemiegesetz, gibt, das die Regierung dazu verpflichtet, die Bevölkerung zu schützen.

Wenn man argumentiert, dass es bei uns Politiker gibt, die nichts anderes im Sinn haben, als unsere Freiheit einzuschränken, dann wird es absurd. Politiker sind demokratisch legitimiert. Sie stützen sich bei ihren Handlungen auf Gesetze, die ebenfalls rechtlich legitimiert sind. Der Regierung aktuell zu unterstellen, dass sie etwas anderes als den Schutz der Bevölkerung im Sinn hat, trägt schon verschwörungstheoretische Züge.

Was ist denn ganz typisch für Verschwörungstheoretiker?

Gewisse Merkmale tauchen bei Verschwörungstheorien immer wieder auf, etwa der unsichtbare Feind, dunkle Mächte, Verunreinigungen, Krankheiten, Gift und Vergiftung. Seit dem Mittelalter ziehen sich diese Merkmale durch die Erzählungen von Verschwörungen, vor allem der Punkt, dass dunkle Mächte im Hintergrund wirken. Entsprechend tauchen sie unterschiedlichen Epochen modifiziert auf.

Die aktuelle Pandemie ist eine grosse Krise, etwas, das unsere Generation noch nie erlebt hat und es werden harte Eingriffe in unser Alltagsleben vorgenommen. Krankheit, ein «unsichtbarer Feind», das Virus kann man mit diesen alten Erzählungen in Verbindung setzen.

Sind Verschwörungstheoretiker gefährlich?

Man sollte Verschwörungstheorien nicht verharmlosen. Die Geschichte hat gezeigt, dass Verschwörungstheorien grosse Wirkung entfalten können. Ein Beispiel sind die «Protokolle der Weisen von Zion». Demnach sollten Juden das Ziel gehabt haben, Demokratien zu stürzen, um alle und alles zu beherrschen. Die Nationalsozialisten haben diese Verschwörungstheorie für ihre Politik bis hin zum Völkermord missbraucht. Auch heute noch gibt es Leute, die daran glauben. In vielen Erzählungen sogenannter Verschwörungstheorien steckt demokratiefeindliches Potenzial.

Sogenannte Verschwörungstheoretiker haben in der Krise Hochsaison. Wieso?

Hierbei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle.

  • Krisensituationen führen dazu, dass man einfache, simple Erklärungen für komplexe Sachverhalte sucht. Es ist einfacher zu sagen, dass eine Gruppe hinter dem Virus steckt, dass uns mittels einer Impfung einen Minichip implantieren will, um uns zu beherrschen als die Komplexität von Virenerkrankungen zu erklären.
  • Das digitale Zeitalter fördert neben vielen positiven Erscheinungen eben auch die Verbreitung abstruser Vorstellungen, was früher in diesem Mass nicht gegeben war.
  • Die politische Kultur hat sich dahin gewandelt, dass die Verbreitung von «Fake News» salonfähig geworden ist. Durch den amerikanischen Präsidenten Trump hat das einen neuen Höhepunkt erreicht. Vor 20 Jahren wäre das in dieser Form nicht denkbar gewesen. «Fake News» fördern auch den Wunsch nach solchen Theorien. Natürlich kann man die USA nicht direkt mit der Schweiz vergleichen. Aber auch hier gab es moderate Verschiebungen in der Politik. Es wird mehr mit Halbwahrheiten operiert. Das liegt vielleicht auch mit dem Tempo des Medienbetriebs, das in den letzten paar Jahren deutlich zugelegt hat.

Wie merke ich in einem Gespräch, ob mein Gegenüber zu Verschwörungstheorien neigt? Und wie kann ich dem begegnen?

Auch hier gibt es kein Patentrezept. Aber: Man kann nachfragen, woher die Informationen kommen. Hat die Person die Infos überprüft? Was sind die Quellen und sind diese seriös?

Das klingt jetzt ziemlich einfach. Für eine Person, die an dunkle Mächte glaubt, die im Hintergrund die Fäden ziehen, ist das BAG wohl keine seriöse Quelle. Für diese Person sind wahrscheinlich Quellen seriös, die andere Personen nicht konsultieren würden.

Das stimmt. Aber es gibt Quellen, die als common sense für eine grosse Allgemeinheit gelten. Wo man sagen kann, dass man sich auf diese stützen und ihnen vertrauen kann. Wer all die commen sense-Quellen nicht anerkennt, ist wohl auch bereit, an Verschwörungstheorien zu glauben. Es ist ein Merkmal dafür, dass man Verschwörungstheorien gegenüber nicht kritisch eingestellt sein will.

Gibt es heute mehr Verschwörungstheoretiker als früher?

Das kann man so nicht beantworten. Wie gesagt gibt es Konjunkturen von Verschwörungstheorien in Krisenzeiten. Zugleich haben klassische Glaubensgemeinschaften an Bedeutung verloren und es gibt eine grosse Vielfalt unterschiedlicher Glaubensvorstellungen. In dieser Vielfalt kann man sich seine eigenen Glaubenssetzkasten zusammenzustellen. Dabei ist die Gefahr gross, dass man einfach glaubt, statt zu wissen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 1. November 2020 10:14
aktualisiert: 1. November 2020 15:05
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