Till Lindemann

Wie eine Zürcherin bei Rammstein zum «Row Zero»-Girl wurde

11.06.2023, 17:05 Uhr
· Online seit 09.06.2023, 08:09 Uhr
Rammstein-Frontmann Till Lindemann steht in der Kritik wegen Machtmissbrauchs. Die Zürcherin Karina hat Lindemann getroffen und hatte auch engeren Kontakt mit ihm. Sie erzählt, wie sie die «Row Zero» erlebte.

Quelle: CH Media Video Unit / Ramona De Cesaris / Beitrag vom 10. Juni 2023

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Aktuell beherrscht eine Band die Schlagzeilen im deutschsprachigen Raum: Rammstein. Die deutsche Band, die seit bereits knapp 30 Jahren existiert und deren Musikstil als «brachial» beschrieben wird, steht momentan stark in der Kritik. Eine Irin hatte sich auf Twitter gemeldet, die der Band vorwirft, sie mit Alkohol und Drogen gefügig gemacht zu haben, bis sie Sex mit Till Lindemann (60) hatte, beziehungsweise dazu gedrängt worden sein soll.

«Orgien» sollen an Afterpartys stattfinden

Danach meldeten sich immer mehr Frauen, die über ähnliche Erfahrungen berichteten – darunter auch die 21-jährige Videobloggerin und Schauspielerin Kayla Shyx. Der Tenor: Lindemann sei «anscheinend krank sexsüchtig». Ihm würden Frauen zugeführt, ohne dass sie gewusst hätten, worauf sie sich einliessen.

Shyx sagt: Es gebe ein System von Castings, in der eine russische Tourmanagerin mit dem Vornamen Alena auf Instagram oder während des Konzerts junge, gutaussehende Frauen an Afterpartys einlade. Hier würden den Frauen Alkohol und Drogen angeboten und schliesslich würden sie einzeln Till Lindemann zugeführt, um mit ihm Sex zu haben.

Die «Row Zero» als exklusiver Ort für Machtmissbrauch?

Namensgebend für das System ist die Reihe Null, auf Englisch «Row Zero». Das ist die vorderste Reihe vor der Bühne während eines Konzertes, in die man nur auf Einladung hinein kommt. Damit verbunden sind Pre- und Afterpartys mit der Band samt Entourage.

Karina aus Zürich ist eine der Frauen, die regelmässig bei Rammstein in der «Row Zero» dabei ist. Die 25-Jährige war schon zweimal an einem Konzert, inklusive Pre- und Afterpartys. Till Lindemann ist sie laut eigener Aussage auch schon näher gekommen. Sie hält die ganze Aufregung für übertrieben, wie sie im exklusiven Gespräch mit Today erzählt.

Aber von Anfang an.

Karina ist in Moskau aufgewachsen. Sie hat den russischen Pass, ihre Familie stammt aus einem ehemaligen Sowjetstaat. In Wirklichkeit heisst sie anders. Da ihr die folgenden Details zu intim sind, möchte sie nicht mit ihrem richtigen Namen ihre Geschichte erzählen.

Die Frau, die mehrere Sprachen spricht, beschliesst 2016 Deutsch zu lernen. «Ich habe mich sehr für die deutsche Kultur interessiert», sagt sie.

Als sie im Internet nach deutscher Musik sucht, stösst sie auf die Band Rammstein. Sie hört einige Lieder, die ihr auf Anhieb gefallen. Sie wollte mit der Musik ein Gefühl für die Sprache bekommen: «Das war eine Art für mich, um Deutsch zu lernen.»

Sie folgt der Band auf Instagram. Als Rammstein 2017 für ein Konzert in Moskau weilen, sieht Karina, dass Frontmann Till Lindemann Fotos von sich, von Fans umringt, postet. Sie erkennt das Restaurant auf dem Bild, das gleich neben ihrer Universität liegt. Karina schreibt ihm direkt, ob sie auch ein Foto mit ihm machen könne.

«Er fragte mich zuerst, wie alt ich bin»

Ein Manager der Band meldet sich bei ihr. «Er fragte mich zuerst, wie alt ich bin», sagt Karina. Sie war damals 19, was sie ihm schreibt. Der Manager lädt sie ein, ins Hotel zu kommen, wo die Band wohnt. Sie treffen sich in der Lounge: Karina, zusammen mit anderen Fans – sowie Till Lindemann.

Eine Freundin von Karina filmt das Treffen. Auf dem Video ist zu sehen, wie Lindemann zusammen mit einer Gruppe von Fans in einer Hotellobby Fotos macht. Karina steht nahe bei Lindemann und redet mit ihm. Er schaut immer wieder weg und macht eine Handbewegung nach hinten. Man hört nicht, worüber sie reden. Die Stimmung wirkt gut, es wird viel gelacht. Karina sagt später: «Er war mega nett. Wir haben Fotos und Videos gemacht. Dann habe ich ihm meine Nummer gegeben.»

Zwei Tage danach schreibt Lindemann Karina auf Whatsapp. Er fragt sie, ob sie an eine private Party im Hotel kommen möchte. Sie lehnt ab, weil sie denkt, dass es ihm höchstwahrscheinlich um Sex geht.

Das Konzert in Zürich

Fünf Jahre später wohnt Karina in Zürich. Sie macht ihren Master in der Schweiz, folgt Rammstein weiterhin auf Social Media. Als die Band ihre Tourdaten für 2022 bekannt gibt, freut sich Karina: Im Mai 2022 kommen die Musiker auch nach Zürich.

Sie schreibt dem Manager. Dieser verweist sie an Tourmanagerin Alena. Karina kennt sie bereits aus Moskau. Sie ist die Frau, die offenbar gezielt Frauen auf Instagram für Partys anschreibt. Von anderen Medien wird sie als «Casting-Direktorin» bezeichnet. Laut Karina organisiert Alena Partys vor und nach den Konzerten der Band und lädt Leute ein.

«Schön und sexy anziehen»

Karina fragt Alena, ob sie an das Konzert kommen kann, da bereits keine Tickets mehr verfügbar waren. Alena lädt sie ein und fragt, ob sie auch ein paar Freundinnen hätte, die sie mitnehmen könnte. Karina verneint. Sie bestätigt andere Meldungen von jungen Frauen, dass Alena auch ihr geschrieben habe, wie sie sich für die Partys kleiden soll: «schön und sexy».

Zu diesem Zeitpunkt kennt Karina noch nicht viele Leute in Zürich. Sie bekommt aber ein Ticket und geht in die «Row Zero» im Letzigrund und danach an eine Backstage-Party. Es ist der 31. Mai 2022.

Ein Zusammenschnitt des Konzerts:

Bei der Party wird zuerst ihr Personalausweis geprüft, um auszuschliessen, dass Minderjährige an die Partys gelangen. Die Prüfung findet in einem grossen Raum statt, mit etwa dreissig Leuten, Männer und Frauen. Die meisten sind Freunde und Familienmitglieder der Band. Ein DJ legt auf, die Getränke sind gratis. Sie reden, trinken, tanzen, «machen einfach Party». Danach fragt Alena sie, ob sie mit anderen zusammen zu Till Lindemann in einen anderen Raum gehen möchte.

Wiedersehen mit Tequila und Küssen

Sie will. Die Frauen müssen aber erst ihre Mobiltelefone abgegeben. «Damit wir keine Fotos machen.» Sie treffen Till in dem Raum. Karina erzählt ihm, dass sie sich bereits in Moskau getroffen hatten. Er erinnert sich an sie. Vor allem, dass sie seinen Vorschlag abgelehnt hatte, mit ihm ins Hotel zu gehen. Sie machen Witze darüber.

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Karina serviert Tequila, um etwas abzulenken. Sie trinken zusammen, stossen an, tanzen. Alena ist auch noch da. Sie fragt Karina, ob sie mit ins Hotel gehen will. «Sie sagte mir: Wenn du willst, kann ich das organisieren.» Karina will nicht. Irgendwann kommt Till zu ihr. Sie trinken etwas, reden. Am Schluss küssen sie sich. «Aber das war es. Nicht mehr.» Er lädt sie ein, noch ins Hotel zu kommen. Karina lehnt wieder ab. «Er meinte nur: okay, kein Problem.»

Das zweite Konzert in Düsseldorf

Ein paar Monate später schreibt Karina Alena nochmals. Sie fragt, ob sie wieder an ein Konzert kommen könnte. Alena lädt sie ein, nach Düsseldorf zu kommen. Karina nimmt dieses Mal noch zwei Freundinnen mit und bucht Flüge und ein Hotel.

Dieses Mal trifft sie die Band bereits einen Tag vor dem Konzert an einer Pre-Party im Hotelzimmer. Dabei sind Karina, ihre zwei Freundinnen, Alena, Till und noch eine Frau, auch ein Fan. Sie trinken wieder. Nach einer Weile verschwindet Till mit der Frau, die sie nicht kennt, in einem Nebenzimmer. Sie sind eine halbe Stunde weg.

«Wir waren duschen und haben uns geküsst»

Karina trinkt viel. Schliesslich küsst sie Till wieder. Danach landen sie zusammen mit anderen Frauen unter der Dusche. «Es war extrem heiss in Düsseldorf. Wir haben geduscht, uns geküsst – mehr habe ich nicht gemacht.» Bis 6 Uhr morgens sind sie im Hotel.

Am nächsten Tag geniessen Karina und ihre Freundinnen das Konzert. Sie erfahren, dass danach wieder eine Privatparty stattfindet, zu der sie dieses Mal aber nicht eingeladen sind. Karina fragt Alena, ob sie auch kommen könnte. Diese verneint. «Sie sagte mir: Ich kann dich nicht jedes Mal einladen.» Sie vermutet, dass sie nicht mehr ausgewählt wird, weil sie nicht mit Till Lindemann Sex haben will.

Rammstein-Management postet Stellungnahme

Bislang hat sich kein Mitglied der Band zu den Vorwürfen geäussert. Vor einigen Tagen postete das Management der Band jedoch einen Aufruf auf Instagram, in der es darauf hinweist, dass auch Rammstein ein Recht darauf habe «nicht vorverurteilt zu werden». Zudem will Lindemann rechtlich gegen Frauen, die Vorwürfe erhoben haben, vorgehen.

Ausserdem wurde bekannt, dass die bereits erwähnte Tourmanagerin entlassen wurde. Dies berichtete die «Welt». Ihr sei mit sofortiger Wirkung der Zugang zu Rammstein-Konzerten untersagt worden.

Karina bleibt Fan

Karina aus Zürich ist egal, was über Lindemann behauptet wird. Sie will Rammstein-Fan bleiben – und freut sich bereits auf das nächste Konzert. Dieses Mal in Italien. «Ich werde mich wieder bei ihnen melden und hoffen, dass ich in die ‹Row Zero› gehen darf», sagt sie.

Ob dies gelingt, bleibt offen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass es bei mehreren bevorstehenden Rammstein-Konzerten keine «Row Zero» geben soll – auch am 16. und 17. Juni in Bern nicht.

veröffentlicht: 9. Juni 2023 08:09
aktualisiert: 11. Juni 2023 17:05
Quelle: ZüriToday

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