Aktionsmonat

Wie vegan und «dry» war dieser Januar wirklich?

Dario Brazerol, 31. Januar 2022, 06:12 Uhr
Vegan oder ohne Alkohol ins neue Jahr starten – oder vielleicht gleich beides zusammen. Der «Veganuary» und der «Dry January» machen gute Vorsätze zum Kollektiverlebnis. Doch zahlen sich diese Aktionsmonate für die Detailhändler auch aus?
Im Januar wollten viele dem Alkohol abschwören – zumindest zeitweise.
© Getty Images

Neues Jahr, neues Ich. Oder zumindest ein alkohol- und tierproduktfreies Ich. Selfcare ist im Trend und wann wäre diese bitterer nötig als nach dem von Fest-Exszessen geprägten Dezember. Der Januar wird immer mehr zum Sinnbild des persönlichen Optimierungsdrangs. Und optimalerweise verzichtet der gesunde moderne Mensch auf Schnaps und Schnitzel.

Mit dem Veganuary, in welchem komplett auf tierische Produkte verzichtet werden soll, und dem Dry January, der die Abstinenz von alkoholischen Getränken mit sich zieht, haben zwei der wohl am meisten genannten (und vielleicht auch gebrochenen) Neujahrsvorsätze einen Namen gefunden. In den ersten Tagen des neuen Jahres werden diese Aktionsmonate medial breit thematisiert und die Euphorie bei den Teilnehmenden ist gross. Doch wie gross ist der Effekt des Monats der Verzichte wirklich?

Tausende gingen trocken durch den Januar

Nach Festtags-Schnäpsen und Neujahrs-Cüpli soll während des Dry January komplett auf Alkohol verzichtet werden. In der Schweiz wird das Projekt vom Blauen Kreuz organisiert, welches klar betont, dass der Aktionsmonat sich an Menschen mit einem durchschnittlichen Alkoholkonsum richtet und nicht an Personen mit einem problematischen Alkoholkonsum. Auf der Webseite des Blauen Kreuz haben sich in diesem Jahr über 8000 Personen für den Dry January angemeldet. «Die ‹Dunkelziffer› über Teilnehmende, die mitgemacht, aber sich nicht angemeldet haben, lag im letzten Jahr bei 1'000'000», sagt Anne Graber, Projektleiterin des Dry January.

Die Kampagne habe in diesem Jahr eine «noch nie dagewesene mediale Aufmerksamkeit erhalten», sagt Graber. «Der Trend zum gesunden Konsum oder gar Alkoholverzicht hält an und wird tendenziell eher stärker.»

Interesse an alkoholfreien Alternativen steigt

Dass aufgrund des Dry Januarys auch effektiv weniger Alkohol verkauft wurde, können die Detailhändler nicht bestätigen. Im Vergleich zum festtagsreichen Dezember sei die Nachfrage zwar leicht zurückgegangen, schreibt Denner. Umsatzeinbrüche spüren aber weder die Migros-Tochter, noch Coop und Lidl.

Abgesehen vom Dry January steige allerdings das Kundeninteresse an alkoholfreien Alternativen. So steigt etwa bei Coop die Nachfrage nach alkoholfreiem Bier stark und auch alkoholfreier Wein werde immer beliebter. Und auch Denner baut das entsprechende Sortiment stetig aus.

Neuer Höchstwert bei Anmeldungen für Veganuary

Die Anmeldungen für den Veganuary haben 2022 weltweit einen neuen Höchstwert erreicht. «620'000 Menschen haben sich angemeldet. Das sind so viele wie noch nie zuvor», sagt Raphael Neuburger, Präsident der Veganen Gesellschaft Schweiz. Auch in der Schweiz habe es im Vergleich zum Vorjahr einen leichten Zuwachs bei den Anmeldezahlen gegeben. «Ganz allgemein sind wir regelrecht überwältigt vom Interesse für den Veganuary», fügt Neuburger an.

Das Interesse an Fleisch- und Milchersatzprodukten spiegelt sich auch bei den Detailhändlern wider. Coop, Migros, Denner und Lidl berichten alle von einem gesteigerten Interesse an pflanzlichen Produkten in diesem Januar. Nicht zuletzt geschuldet ist dieser Erfolg wahrscheinlich auch den deutlich hochgefahrenen Werbemassnahmen rund um Erbsenburger, Vegi-Schnitzel und Co. Über konkrete finanzielle Aufwände berichten die Detailhändler allerdings nichts.

Pünkltich zum und exklusiv für den Veganuary hat die Migros beispielsweise 20 neue Produkte ins Sortiment aufgenommen. Ob diese auch im Februar noch erhältlich sein werden, ist noch offen. Bei Lidl Schweiz sind es gar 61 neue Produkte für den Veganuary.

Aktionsmonat hat keinen Einfluss auf Fleischkonsum

Mit neuen Angeboten und breitgefächerter Werbung werden die Kunden also gluschtig gemacht und zum Ausprobieren animiert. Trotz deutlich gesteigerter Nachfrage gehören die pflanzenbasierten Produkte noch immer in eine Nische. Auf den Fleischkonsum habe der Veganuary keinen Einfluss, heisst es seitens der Migros und Coop.

Was müsste also passieren, damit ein Aktionsmonat wie der Veganuary auch nachhaltig Früchte trägt und nicht zur reinen Marketingaktion verfällt? «Während des Veganuarys werden wichtige Aspekte unseres Konsumverhaltens thematisiert. Diese sind ja nicht nur im Januar relevant, sondern betreffen uns bei jedem Entscheid, etwas zu konsumieren oder nicht. Insbesondere für Menschen, die den Veganuary am eigenen Leib erfahren, ist der Zugang und das Verständnis für die dringend benötigten Veränderungen im Verhaltensmuster viel klarer und einfacher geworden», sagt Raphael Neuburger von der Veganen Gesellschaft Schweiz.

Was bleibt von den Aktionsmonaten?

Der Januar, der Monat der guten Vorsätze, neigt sich dem Ende zu. Der Effekt von Aktionsmonaten wie dem Dry January und dem Veganuary sind auf den ersten Blick flüchtig, bilden aber den Grundstein für Diskussionen, welche die Welt nachhaltig beeinflussen werden.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 31. Januar 2022 05:42
aktualisiert: 31. Januar 2022 06:12
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