mutiertes coronavirus

Zu hohe Fallzahlen und Mutationen ergeben ein explosives Gemisch

29. Dezember 2020, 16:08 Uhr
Kriegt die Schweiz Fallzahlen und Tracing nicht in den Griff, droht den überlasteten Spitälern ein noch viel grösserer Ansturm. (Symbolbild)
© Keystone
Die Taskforce schätzt den Anteil des mutierten Coronavirus auf ein Prozent. Was nach wenig klingt, ist viel: Bleiben die Fallzahlen hoch, kommt es bis Ende März zu einem drastischen Anstieg.

Während sich die Politik optimistisch zeigt, sind die Wissenschafter besorgt: Die Ankunft des Grossbritannien-Virus in der Schweiz könnte in Kombination mit den nach wie vor sehr hohen Fallzahlen im Frühling eine massive Welle an Neuinfektionen auslösen. Taskforce-Chef Martin Ackermann präsentierte am Dienstag die aktuellen Berechnungen: Demnach würde eine Halbierung der Fallzahlen alle vier Wochen nicht ausreichen, um den Effekt der neuen, hochansteckenden Variante zu kompensieren. Bereits im März wird es nach diesem Szenario zu einem massiven Anstieg der Fallzahlen kommen.

Derzeit schätzt die Taskforce, dass etwa ein Prozent der Neuansteckungen auf die Grossbritannien-Variante zurückgehen. Da diese zwischen 40 und 70 Prozent ansteckender ist als die bisher bekannte Variante, könnte sie sich bei anhaltend hohen Ansteckungszahlen sehr schnell ausbreiten. Diese Erfahrung habe man in England gemacht, so Ackermann. Das Resultat: «In London hat sich die Zahl der Hospitalisierungen innert einer Woche verdoppelt.»

Taskforce will Tracing verbessern, in den Kantonen funktioniert es noch nicht

Um der neuen Virusvariante Herr zu werden, müssten die Fallzahlen viel stärker sinken, so Ackermann. Ziel müsse eine Halbierung alle zwei Wochen sein. Doch damit nicht genug: Es brauche mehr Mittel, um DNA-Sequenzen von Viren zu analysieren und so die Verbreitung der neuen Variante verfolgen zu können. Vor allem aber müssten beim Contact Tracing grosse Anstrengungen unternommen werden. Durch sogenanntes Backward-Tracing, bei dem die Vorgeschichte einer Ansteckung aufgenommen wird, könnten Cluster frühzeitig erkannt und Infektionsketten unterbrochen werden.

Davon ist die Schweiz jedoch weit entfernt, wie die Ausführungen der Berner Kantonsärztin Linda Nartey an derselben Pressekonferenz zeigten. Demnach gibt es in der Schweiz derzeit keinen Kanton, der ein professionelles Contact Tracing durchführen kann. Nartey formulierte es so: «In einigen Kantonen konnte man sich einem vollständigen Tracing annähern». Dass nun eine mutierte Virusvariante aufgetaucht sei, stelle eine neue Herausforderung dar.

Dazu komme, dass die Kapazitäten der Contact Tracing-Teams oft von Ausbrüchen in Firmen oder anderen Einrichtungen gebunden würden. Dies erfordere dann einen grossen Aufwand für das «Ausbruchsmanagement», so Nartey.

Ackermann wies an der Pressekonferenz erneut auf die Empfehlungen hin, welche die Wissenschaft der Politik schon vor Weihnachten mitgegeben hatte: Home Office-Pflicht und die Verschiebung des Schulstarts um zehn Tage, damit die Kinder die über die Festtage erfolgen Ansteckungen nicht in die Schulen weitertragen, von wo sie dann in weitere Haushalte gelangen.

Patrick Mathys vom Bundesamt für Gesundheit empfahl, zum Neujahr nur anzustossen und keine Küsschen auszutauschen. Die Fallzahlen seien immer noch viel zu hoch, vor allem seien sie nach wie vor nicht am Sinken. «Viel Optimismus gibt es nicht», sagte Mathys – und widersprach damit öffentlich seinem obersten Vorgesetzten, Bundesrat Alain Berset.

Quelle: CH Media
veröffentlicht: 29. Dezember 2020 15:58
aktualisiert: 29. Dezember 2020 16:08