3000 Seidenraupen ziehen nach Quinten

Von Krisztina Scherrer
Vorsichtig lädt Helene von Gugelberg die Seidenraupen auf das Schiff.
Vorsichtig lädt Helene von Gugelberg die Seidenraupen auf das Schiff. © FM1Today/Krisztina Scherrer
Auf Schloss Salenegg in Maienfeld leben eher ungewöhnliche Tiere: Helene von Gugelberg beherbergt dort 3000 Seidenraupen. Die Unternehmerin hat die Tiere am Montag nach Quinten am Walensee umgesiedelt, wo sie sich einspinnen.

Es ist ein warmer, sonniger Junitag – ich fahre durch den Torborgen von Schloss Salenegg in Maienfeld. Vom Innenhof her wirkt das Gebäude noch imposanter als von aussen: riesige Holztüren, verzierte Balkongeländer und ein einmaliger Blick über die Reben ins Tal. Schlossherrin Helene von Gugelberg erwartet mich, nicht um mir ihren Weinkeller oder die Essigmanufaktur zu zeigen, jetzt geht es um ihre «Haustiere», genauer gesagt ihre 3000 Seidenraupen.

Seit drei Jahren Raupenzüchterin

Sie zeigt mir zuerst ihre Weissen Maulbeerbäume, denn die Raupen fressen nur die Blätter dieser Pflanze. Vor fünf Jahren hat sie die ersten gesät. Auf die Idee, Seidenraupen zu züchten, hat sie der Verein Pro Specie Rara gebracht, die Schweizerische Stiftung für die kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren.

Helene von Gugelberg zeigt die Maulbeerbäume, im Hintergrund sieht man Schloss Salenegg. (Bild: FM1Today/Krisztina Scherrer)

«Sie haben den Schwarzen Maulbeerbaum, der seit 250 Jahren auf dem Anwesen steht, aufgenommen und mir dann vom Verein Swiss Silk erzählt», sagt Helene von Gugelberg. Sie hat sich dann über Seidenraupen informiert und beherbergt sie seit drei Jahren regelmässig, dafür hat sie auch die Weissen Maulbeerbäume angepflanzt. Wir gehen in ihr Anwesen, denn das Füttern der Raupen steht an, ausserdem sollen die Tierchen gleich nach Quinten am Walensee übersiedelt werden, wo sie sich einspinnen und in den Kokon einschliessen.

«Raupen sind ‹schnäderfrässig›»

Die Seidenraupen leben in einem Badezimmer. «Sie haben es gerne warm. Im Raum herrschen zwischen 26 und 27 Grad und die Luftfeuchtigkeit liegt bei etwa 70 Prozent», so von Gugelberg. Sie zerhackt die Blätter des Maulbeerbaums und verteilt diese über die Raupen. Zwei Stunden investiert die Unternehmerin täglich in die Tierchen. «Die Raupen sind furchtbar ‹schnäderfrässig›.»

Raupenzucht als Nebenerwerb

Die Tiere seien ihr ans Herz gewachsen. «Sie faszinieren mich, gerade weil ich sie nur 15 Tage bei mir habe. Ich kann so problemlos in die Ferien.» Vorsichtig stapelt von Gugelberg die Kisten aufeinander und verlädt sie in ihr Auto. Es geht nach Quinten zur Stiftung «Quinten lebt», welche sich auch der Raupenzucht verschrieben haben.

Die Raupen, kurz vor ihrem Umzug nach Quinten. (Bild: FM1Today/Krisztina Scherrer)

 

Mit dem Auto fahren wir von Maienfeld nach Unterterzen, wo es mit dem Schiff über den Walensee nach Quinten geht. «Gemeinsam mit der Stiftung ‹Quinten lebt› können wir die Aufzucht besser betreuen und die Arbeit aufteilen. Ich übernehme die Jungraupen und nach der dritten Häutung gehen sie rüber nach Quinten, dort werden sie ausgefüttert und spinnen sich ein», sagt von Gugelberg. «So haben wir eine Chance, aus einem Hobby einen Nebenerwerb zu machen.»

Seidenraupen als Rettung für Quinten?

In Quinten angekommen, bringen wir die 3000 Raupen ins Raupenhotel der Stiftung «Quinten lebt». «Wir sind im gleichen Verein und Helene von Gugelberg hatte dann die Idee zusammenzuarbeiten», sagt Hanspeter Stüssy, Gründer der Stiftung. In Quinten arbeiten drei Personen permanent im Raupenhotel, zahlreiche Freiwillige helfen an den Wochenenden mit.

Die Stiftung gibt es schon drei Jahre. «Quinten hat ein Problem: die Überalterung. Wir sind 38 Einwohner und das Durchschnittsalter liegt bei 60-65 Jahren. Das heisst, in Quinten gehen bald die Lichter aus», sagt Stüssy. «Zuoberst auf unserer Fahne steht: Erschaffung von Wohnraum und Arbeitsplätzen und die Verbesserung der Infrastruktur.» Das Raupenhotel sei ein guter Anfang und könnte erste Arbeitsplätze schaffen.

Helene von Gugelberg und Hanspeter Stüssy legen die Raupen in ihr neues zu Hause. (Bild: FM1Today/Krisztina Scherrer)

Von Gugelberg und Stüssy legen die Raupen vorsichtig in ihr neues zu Hause. Sobald sich die Seidenraupen eingespinnt haben, kümmert sich der Verein Swiss Silk um die Weiterverarbeitung der Kokons. «Ich denke Schweizer Seide hat eine Zukunft. In der Lebensmittelindustrie heisst es, je regionaler desto beliebter – so könnte es auch bei der Seide sein», sagt Helene von Gugelberg.


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