«Sie hat mehr Angst vor dir, als du vor ihr»

Angst vor Spinnen ist in der westlichen Welt keine Seltenheit. Auch die FM1-Praktikantin Lilian Wehrle blieb nicht von ihr verschont. «Seinen Ängsten muss man sich stellen, statt sich von ihnen einschränken zu lassen», sagte sie sich und besuchte ein Angstseminar im Abenteuerland Walter Zoo. Ziel des Seminars ist es, seine Angst zu überwinden und am Ende eine Vogelspinne in den Händen zu halten.

Als ich den Raum betrat und das Gefäss mit der riesigen Vogelspinne erblickte, blieb mir für eine Sekunde der Atem stehen. Dieses Tier werde ich am Ende des heutigen Nachmittags in den Händen halten! Die erste Frage, die mir in den Kopf schoss: «Wurden schon Seminarteilnehmer von der Spinne gebissen?» Die zuständige Biologin, Leandra Pörtner, beruhigte mich aber sofort: «Nein natürlich nicht. Für dieses Seminar haben wir ein ganz ruhiges und liebes Tier ausgewählt.» Für einen kurzen Moment schlug mein Puls wieder in Normalgeschwindigkeit.

Der Walter Zoo in Gossau veranstaltet am 29. Oktober erstmals ein Angstseminar gegen Spinnenangst. Das Seminar richtet sich an Teilnehmer, die ein bisschen Angst vor Spinnen haben und diese ganz abbauen möchten. Aber auch Leute, die panische Angst vor Spinnen haben und dadurch eingeschränkt sind im alltäglichen Leben, sind in diesem Seminar richtig. Ich selber zähle mich zu den ersteren und wollte mich meiner Angst ein für allemal stellen.

Schritt für Schritt zum Ziel

Das Seminar ist in zwei Teile aufgeteilt. Neben den biologischen Hintergrundinformationen zum Wesen der Spinne werden die Teilnehmer psychologisch betreut. Die Teilnehmer werden Schritt für Schritt auf die Begegnung mit der grossen Vogelspinne vorbereitet. «Wir haben an diesem Tag verschiedene Spinnen dabei. Zuerst können die Teilnehmer versuchen, eine kleine Hauswinkelspinne zu fangen, wie es im Alltag auch der Fall sein kann. Danach kommt eine Zitterspinne an die Reihe, die noch kleiner ist als die Vogelspinne. Und zum Abschluss nehmen die Teilnehmer die Vogelspinne in die Hände», erklärte Leandra.

«Sie hat mehr Angst vor dir, als du vor ihr»

Auch ich durchlief die verschiedenen Etappen und tastete mich von der kleinsten Spinne, die ich mit Erfolg einfing, hin zur grossen Vogelspinne. Als es dann hiess: «Bist du nun bereit für Petunia, die grosse Vogelspinne?», schoss mein Puls wieder in die Höhe. Vor diesem Moment fürchtete ich mich, seit ich vom Selbstversuch erfahren hatte, und jetzt war es so weit. «Die Spinne hat mehr Angst vor dir, als du vor ihr», versuchte ich mir einzureden. Da kam sie, ganz langsam mit ihren acht Beinen. Sie fühlte sich federleicht an und wie erwartet etwas haarig. Und sie war zu meinem Erstaunen wirklich sehr scheu und lieb. Man könnte sie beinahe als herzig beschreiben.

Diese Angst ist irrational

«Das hast du wirklich sehr gut gemacht», lobte mich Leandra, als sie mir die Spinne wieder aus den Händen nahm. Das Adrenalin in meinem Körper flachte langsam ab, und ich begann, eine gewisse Zuneigung für die haarige Petunia zu verspüren. Sie machte einen ängstlichen Eindruck und mir wurde klar, wie irrational meine Angst ihr gegenüber war. «Sie würde dich niemals beissen. Und überhaupt ist ein Vogelspinnenbiss mit einem Bienenstich zu vergleichen. Es gibt sehr wenige Spinnen, deren Gift tödlich ist und diese findet man in der Schweiz sowieso nicht», klärte mich die Biologin auf.

Ich habe meine Angst überwunden

Nachdem ich die Spinne in den Händen hielt und meine Angst ausgehalten hatte, fühlte ich mich erstaunlich gut. Leandra Pörtner kümmerte sich gut um mich und war sehr geduldig mit mir. Mein Fazit ist positiv. Für einmal habe ich meine Angst vor Spinnen überwinden können. Trotzdem – bei der nächsten überraschenden Begegnung mit einem grösseren Exemplar werde ich wahrscheinlich wieder kreischend das Weite suchen.

Lilian Wehrle


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