So fährt es sich in der neuen Bahn

Von Laurien Gschwend
Die Lokführer der Appenzeller Bahn haben ein neues «Spielzeug».
Die Lokführer der Appenzeller Bahn haben ein neues «Spielzeug». © FM1Today/Laurien Gschwend
Kühlere und grössere Wagen für die Passagiere, angenehmere Arbeitsbedingungen für die Lokführer: Die Appenzeller Bahnen haben ihre neuen 40-Millionen-Züge auf der Strecke Gossau-Appenzell-Wasserauen vorgestellt.

Es war jeweils unangenehm, wie unsere Schulreisen, Ausflüge und stundenlangen Wanderungen durch den Alpstein endeten. Wir quetschten uns und unsere Rucksäcke das Treppchen hoch in die Appenzeller Bahn und erlitten – zumindest während der Sommermonate – fast einen Hitzeschlag. Während wir auf dem Weg ins Unterland vor uns hin schwitzten, verdarb uns der Geruch der Schweissfüsse unseres Nachbars die Lust auf das Abendessen.

«Bin rundum zufrieden»

Das wird sich nun definitiv ändern. Die Appenzeller Bahnen (AB) «tanzen» ab diesem Sommer Walzer und Tango – so heissen die neuen Züge, die derzeit getestet werden. Am Donnerstag konnten AB-Direktor Thomas Baumgartner und Medienvertreter aus der Region zum ersten Mal mit einem der fünf Walzer von Herisau nach Appenzell und zurück fahren. «Es fühlt sich sehr gut an», sagt Baumgartner. Die neuen Züge seien geräumig und komfortabel. «Ich bin rundum zufrieden.»

Thomas Baumgartner geniesst die Fahrt in der ersten Klasse. (Bild: FM1Today/Laurien Gschwend)

Mit dem Walzer fühlt es sich an, als würde man den Bergen entgegen gleiten. Auch Beine von Menschen über 1,80 Meter haben Platz; es gibt WCs und mehrere Rollstuhlplätze. Hörbar ist es kaum, dass man sich gerade in einem Zug befindet – es gibt ja auch noch keine Jodlergruppe, die auf dem Weg zum Vereinsausflug gerade ein Lied anstimmt. Im Gegensatz zu den Tango-Zügen gibt es in den Walzern Tische und Abfallkübel. Essen und Trinken ist weiterhin erlaubt – «weil Kulinarik im Appenzellerland zum Brauchtum gehört».

Selbst bei 25 Grad fühlt man sich nach der Zugreise nicht abgekämpft. Die Klimaanlage führt dazu, dass man sogar ein leichtes Jäckchen braucht. Spätestens, wenn die Züge in ein paar Wochen in den Fahrplan aufgenommen werden und sich die Abteile füllen, wird sich das wohl ändern.

Steckdosen ja, WLAN nein

«Die grösste Verbesserung für Passagiere ist der ebenerdige, breite Einstieg», sagt Bruno Eberle, Präsident von Pro Bahn Ostschweiz, der bei der Testfahrt ebenfalls dabei ist. Er lobt neben den Walzern die Gleise der Appenzeller Bahnen: «Läuft man im Zug herum, merkt man, wie ruhig er fährt, man wird nicht hin- und hergeschüttelt.» Das Interieur sei nicht so spartanisch eingerichtet wie im Turbo, meint der Bahnexperte. «Wie von den Kunden erwartet gibt es auch Steckdosen in der zweiten Klasse.»

Bruno Eberle hat schon so manche Zugfahrt unternommen. (Bild: FM1Today/Laurien Gschwend)

Gegen WLAN habe sich die AB bewusst entschieden, erklärt Thomas Baumgartner. «Es gibt genügend Alternativen», sagt der Direktor des Unternehmens und verweist auf den Empfang der Mobile-Anbieter. Bruno Eberle von Pro Bahn glaubt, dass die Appenzeller Bahnen in einigen Jahren den Bedürfnissen der Passagiere folgen und WLAN, zumindest an den Bahnhöfen, anbieten müssen.

Der Walzer gleicht derzeit noch einer Baustelle. Auf den Sitzen liegen Sandsäcke, die das Gewicht der Reisenden simulieren. Unter den Plastikhüllen verbergen sich rote Polster. «Unser Design-Team hat die Farben der Appenzeller Tracht integriert», sagt Sabrina Huber, Mediensprecherin der AB. Jeder Walzer ist einem Appenzeller Brauch gewidmet – Silvesterchläuse, Alpfahrt, Alpstubete, Betruf und Bloch. Für Detailverliebte sind Stichworte zu diesen Bräuchen in die Sitze eingenäht.

Nicht etwa Waschanleitungen, sondern Hinweise zu Appenzeller Bräuchen befinden sich an den Sitzen. (Bild: FM1Today/Laurien Gschwend)

«Ein Quantensprung»

Techniker der Zuglieferantin Stadler Rail prüfen das neue Rollmaterial auf Herz und Nieren: Funktioniert das Beschleunigen und das Bremsen? Stimmt der Energieverbrauch? Auch die Zugführer müssen sich zuerst an ihre neuen «Spielzeuge» gewöhnen – möchten aber gar nicht mehr auf die alten Modelle umsteigen: «Es ist ein Quantensprung. Dank Tempomat, Klimaanlage und einem luftgefederten Führersitz ist das Fahrerlebnis für uns herrlich», sagt Thomas Wirth, der seit 30 Jahren bei der Bahn arbeitet.

Thomas Wirth fühlt sich wohl in seinem neuen Umfeld. (Bild: FM1Today/Laurien Gschwend)

Bis Ende Oktober werden die alten Züge ausgemustert und grösstenteils verschrottet. «Wir brauchen sie nicht mehr und haben auch keinen Platz dafür», sagt AB-Direktor Baumgartner. Wer das hitzig-schweisselige Feeling der alten Wagen noch einmal erleben will, kann dies bis August tun. Dann kommen die Walzer in den Normalbetrieb.

Testfahrt im Video:

Fakten zum Walzer

Strecke: Gossau-Appenzell-Wasserauen
Maximale Fahrtgeschwindigkeit: 80 km/h
Wagenhöhe: 3.99 Meter
Wagenbreite: 2.65 Meter
Sitzplätze 1. Klasse: 15
Sitzplätze 2. Klasse: 138
Kosten: 40 Millionen Franken


Newsletter abonnieren
0Kommentare
noch 1000 Zeichen