So hilft die Empörung den Hilfswerken

Von Lena Rhyner
Der Brand in der Notre Dame scheint die Menschen auf einer emotionalen Ebene zu treffen.
Der Brand in der Notre Dame scheint die Menschen auf einer emotionalen Ebene zu treffen. © keystone
Eine Milliarde Franken. So viel Geld ist innerhalb weniger Tage für den Wiederaufbau der abgebrannten Pariser Kathedrale Notre-Dame zusammengekommen. Doch nebst Spenden hagelt es auch Kritik: Warum kommt für ein Gebäude so schnell Geld zusammen, wo dies doch auch an anderen Orten nötig wäre?

Nach dem Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame regnet es Spenden über die verkohlten Trümmer des Unesco-Weltkulturerbes. Der Französische Präsident Emanuel Macron rief zur Spendensammlung auf und sie griffen direkt zum Portemonnaie: Gucci, Louis-Vuitton und L’Oreal lassen für die Kathedrale bis zu 200 Millionen Euro springen. Alle Spenden zusammengerechnet sind bereits rund eine Milliarde Franken für den Wiederaufbaue zusammengekommen. Die riesige Spendensumme sorgt im Netz auch für Empörung. Der Tenor: Kulturgut schön und gut, es sollten aber Menschen an erster Stelle stehen. Man solle doch besser Obdachlosen, hungernden und vertriebenen Menschen helfen.

Je emotionaler, desto mehr Spenden

Dass für eine abgebrannte Kirche so schnell eine immense Summe zusammenkommt, hat auch die schweizerische Glückskette erstaunt. «Es war interessant zu sehen, wie schnell das Geld für die Notre-Dame zusammenkam. Vor allem auch, weil es ansonsten sehr schwierig sein kann, genügend Spenden für menschliche Opfer zu sammeln», sagt Priska Spörri, Mediensprecherin der Glückskette. Aus ihrer Erfahung weiss sie, dass Menschen dann spenden, wenn sie emotional berührt werden. Es könne durchaus sein, dass auch brennende Kulturgüter starke Emotionen auslösen.

Dies bestätigt Soziologe Thomas Eberle. Wenn wir uns mit etwas identifizieren können, berührte es uns viel stärker, egal ob das jetzt eine abgebrannte Kirche oder ein Erdbeben ist. «Jeder hat im Zusammenhang mit Paris schon einmal etwas von der Notre-Dame gehört, auch wenn man selber nie dort war», sagt Eberle. Das reiche, um emotionale Betroffenheit zu schaffen.

Drei Millionen für Jemen, 74 fürs Wallis

Bei Naturkatastrophen kommen oft die höchsten Spendensummen zusammen. Ein Erdbeben, ein Tsunami oder auch ein Brand löst Mitleid für die Opfer aus: «Die Betroffenen können nichts dafür, was ihnen passiert ist. Sie sind der Naturgewalt hilflos ausgeliefert», sagt Spörri. Da wolle man helfen – und spendet. Nicht so bei menschengemachten Katastrophen, wie zum Beispiel Krieg oder der Flüchtlingskrise. Da werde es immer schwieriger, genügend Spendengelder zu sammeln. Hinzu kommt natürlich die geographische Nähe. So sammelte die Glückskette vor wenigen Wochen rund drei Millionen Franken für die Opfer des Krieges im Jemen. Zum Vergleich: Für die Unwetter im Wallis und im Tessin im Jahr 2000 kamen 74 Millionen Franken zusammen.

Spenden für Kathedrale nützen auch den Hilfswerken

Priska Spörri findet es kritisch, über die Spendensumme für die Kathedrale Notre-Dame zu urteilen. «Wenn jemand für Notre-Dame spendet, schliesst das nicht aus, dass die Person auch für humanitäre Hilfe spendet», sagt Spörri. Schlussendlich könne der Spender selber entscheiden, wohin sein Geld fliessen soll. «Es ist auch gut so, dass sich die Menschen von verschiedenen Sachen angesprochen fühlen. So kommen für verschiedenste Projekte immer wieder Gelder zusammen.»

So bewirkt ein schlimmes Ereignis wie die abgebrannte Kathedrale, dass auf andere Themen wie Spenden für humanitäre Zwecke aufmerksam gemacht wird. «Das ist eigentlich das Traurige: Es braucht tragische Ereignisse, um andere Probleme wieder ins Bewusstsein zu bringen.» Und dies beweisen eben auch die unzähligen Posts auf Social Media, die dazu aufrufen, für humanitäre Hilfe, statt für den Aufbau einer alten Kirche zu spenden.

So helfen die Notre-Dame-Spender – wenn auch indirekt – auch den Hilfsorganisationen, die sich für humanitäre Hilfe stark machen.

Die ganze Gott und d’Welt Sendung zur Betroffenheit nach der Notre Dame Katastrophe gibt es hier.

(rhy/dac)


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