Leben mit Prostatakrebs

«Viele Männer kommen sich entmannt vor»

Ines Schaberger/Lara Abderhalden, 30. November 2020, 05:50 Uhr
Prostatakrebs ist die Krebserkrankung, die bei Männern am häufigsten diagnostiziert wird. In der Schweiz erkranken jährlich rund 6000 Menschen daran. Zwei Betroffene erzählen, was sie alles durchgemacht haben.

«Ich wünsche mir, dass Männer mehr über das Thema Prostatakrebs sprechen und aufhören, auf Steinzeitmännerbildern zu beharren. Auch Männer dürfen Schwäche zeigen und müssen nicht immer perfekt sein.» Die Worte des St.Gallers Winfried Mall berühren. Der 68-Jährige ist einer von zwei Prostatakrebs-Betroffenen, die in der aktuellen Folge des «Gott und d'Welt»-Podcasts über ihre Krankheit und die psychischen und physischen Belastungen sprechen.

«Ich wünsche mir, dass Männer mehr über das Thema Prostatakrebs sprechen und aufhören, auf Steinzeitmännerbildern zu beharren. Auch Männer dürfen Schwäche zeigen und müssen nicht immer perfekt sein.» Die Worte von Winfried Mall berühren. Der 68-Jährige ist einer von zwei Prostatakrebs-Betroffenen, die in der aktuellen Folge des Gott und d'Welt-Podcasts über ihre Krankheit und deren Konsequenzen für Psyche und Körper sprechen.

Der andere ist Ernst Werner – 78-jährig aus Flawil. «Viele Männer kommen sich wie entmannt vor. Sie haben ein Gefühl von Minderwertigkeit und fühlen sich nicht mehr als Mann, weil Männlichkeit oft mit einer aktiven Sexualität verbunden ist.» Beide sprechen offen über ihre Krebserkrankung. Bei Ernst Werner wurde die Diagnose vor 15 Jahren gemacht und er wurde anschliessend operiert. Bei Winfried Mall liegt die Operation fünf Jahre zurück.

Sexualität: «Es gibt auch andere Wege, zu einander zu finden»

Ernst Werner hat die zu schnelle Entscheidung zur Operation bereut «Meine Frau drängte darauf, die Prostata rauszunehmen, da Krebs etwas mit dem Tod zu tun hat und dieser raus muss, meinte sie. Auch der Urologe hat mich nicht genügend über die möglichen Folgen informiert.» Er hätte sich mehr Informationen bezüglich Inkontinenz und Impotenz gewünscht. Bei Ernst Werner wurden bei der Operation vermutlich Nerven unwiderruflich geschädigt.

Lange Zeit stellte sich Ernst Werner die Frage, ob es bei der Operation Fehler oder Unterlassungen gegeben habe: «Ich hatte Mühe, die Tatsache zu akzeptieren, dass etwas schief gelaufen ist. Heute würde Ernst Werner einiges anders machen. Er würde sich intensiver mit der Thematik auseinandersetzen und dem Urologen mehr Fragen stellen.

«Man kann durchaus Lust empfinden»

Bei Winfried Mall kam die Prostatakrebs-Diagnose, nachdem bereits zwei seiner Brüder daran erkrankten. Bei ihm wurde der Krebs in einem relativ frühen Stadium diagnostiziert. Dennoch musste auch er die Prostata entfernen. Dabei seien auch bei ihm einige Nerven beschädigt worden.

Die beiden haben gelernt mit den Folgen der Operation umzugehen. Darüber reden habe ihnen sehr geholfen.

Beide Männer hatten keine grossen psychischen Probleme, unter anderem aufgrund der Unterstützung der Partnerinnen und dem Halt, den sie in einer Selbsthilfegruppe für Prostatakrebs-Betroffene erhalten, die von Ernst Werner mitgegründet wurde. «Ich habe immer ein gutes Gefühl, wenn ich von der Selbsthilfegruppe komme», sagt der Flawiler.

«Viele Männer schämen sich, darüber zu reden»

Mittlerweile umfasse die Selbsthilfegruppe sieben Männer, die sich regelmässig treffen. Anfänglich vor rund sieben Jahren, als die Gruppe entstand, sei das Interesse noch nicht sehr gross gewesen. Eineinhalb Jahre habe sich niemand gemeldet. «Ein Mann ist ein spezielles Wesen», sagt Ernst Werner wohlwissend lächelnd, «die meisten Männer reagieren still und introvertiert auf die Diagnose und machen das mit sich aus. Sie haben Mühe damit, offen darüber zu reden und schämen sich vielleicht auch.»

Dass es mittlerweile Männer gibt, die darüber reden und die vielleicht das anfänglich erwähnte «Steinzeitmannsbild» ablegen konnten, freut die beiden Herren. Sie wünschen sich aber für die Zukunft, dass mehr Männer offener über das Thema Prostatakrebs sprechen, sich im Bedarfsfall eine Zweitmeinung einholen und akzeptieren, dass sie nicht immer die Starken sein müssen.

Ines Schaberger/Lara Abderhalden
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 26. November 2020 11:16
aktualisiert: 30. November 2020 05:50