Heute vor 22 Jahren

Als die Tour de France zur Tour de Farce verkam

8. Juli 2020, 05:47 Uhr
Festinas Chef Bruno Roussel gesteht die Doping-Praktiken in seiner Mannschaft
© KEYSTONE/AP/FRANK PREVEL
Am 8. Juli 1998, kurz vor der Tour de France, wurde eines der dunkelsten Kapitel im Radsport losgetreten. Die Festina-Affäre brachte die Tour beinahe zum Sturz. Drei Schweizer waren involviert.

Die Meldung, die im Sommer 1998 am Tag des Starts zur 85. Tour de France in Dublin um die Welt geht, lässt Schlimmes erahnen. Vor drei Tagen sei der Physiotherapeut Willy Voet frühmorgens an einem kleinen Grenzübergang in einem Teamwagen von Festina kontrolliert worden. Der Masseur der hochdekorierten Rad-Equipe habe eine Vielzahl an verbotenen Substanzen über die Grenze geführt, mehr als 400 EPO-Ampullen, dazu Wachstumshormone, Amphetamine, Testosteron und Kortikoide seien beschlagnahmt worden.

Tatsächlich löst der Fund im Radsport ein regelrechtes Beben aus. Über der Tour 1998 liegt ein Schatten, es kommt zu Razzien, Streiks und Ausstiegen. 21 Teams und 189 Fahrer treten an, nur 15 Teams und 96 Fahrer sind am Ende klassiert. Einige geben auf, andere steigen aus oder werden ausgeschlossen. Die Tour de France verkommt zur Tour de Farce. Mit Sport haben die Bilder, die uns täglich aus Frankreich erreichen, nicht mehr viel zu tun.

Mittendrin im Tornado sind Alex Zülle, Laurent Dufaux und Armin Meier, die Schweizer in Diensten von Festina. Zülle zählt zu den Favoriten auf den Gesamtsieg, wie Teamkollege Richard Virenque. Dufaux ist Edelhelfer mit Kletter-Qualitäten, Armin Meier an der Tour dabei, weil sich Virenque für ihn starkgemacht hat. Alle sitzen kurzzeitig in Gefängniszellen und erhalten später eine Dopingsperre. Die Ereignisse im Juli 1998 überschlagen sich, kaum ein Tag vergeht, ohne dass weitere schmutzige Details an die Öffentlichkeit dringen.

Die schwarze Kasse

Am 14. Juli wird Willy Voet vernommen. Nachdem der Belgier anfangs angegeben hat, die beschlagnahmten Präparate seien für den Eigengebrauch, macht er reinen Tisch. Er habe auf Anweisung von Festina-Offiziellen gehandelt, und dies nicht zum ersten Mal. Tags darauf werden Sportdirektor Bruno Roussel und Mannschaftsarzt Eric Ryckaert verhaftet sowie das Mannschaftshotel von Festina durchsucht. Auch Roussel legt ein Geständnis ab, Festina wird von der Tour ausgeschlossen. Ryckaert erklärt, im Team habe es eine schwarze Kasse zur Beschaffung von Dopingmitteln gegeben.

Am 23. Juli stellen sich die drei Schweizer in Lyon dem Verhör. Sie und vier weitere Festina-Profis gestehen Doping, im Gegensatz zu Virenque und Pascal Hervé, die sich ahnungslos geben. Alex Zülle räumt auch gegenüber der Öffentlichkeit den EPO-Gebrauch ein und erklärt, Drogenkonsum gehöre im Profi-Radsport zum Geschäft. Nähere Angaben macht er auch Jahre später nicht. «Wenn ich alles erzählte, würde die Welt mit anderen Augen auf den Sport schauen», sagt er bloss. Wie das organisierte Doping während 30 Jahren ablief, schildert Willy Voet 1999 in seinem Buch «Massacre à la chaine».

Am Tag nach dem Verhör der Festina-Profis kommt es im Fahrerlager zu einem Streik. Die 12. Etappe beginnt mit zweistündiger Verspätung. Der zweite Untersuchungsrichter von Reims gibt bekannt, dass am Ruhetag im Hotel von TVM «Doping- und Maskierungsmittel» gefunden und TVM-Sportdirektor Cees Priem und der Arzt Andrej Michailow verhaftet wurden. Es ist zu erfahren, dass im März auch ein Teamwagen von TVM mit EPO-Ampullen aufgegriffen worden ist.

Immer mehr verdächtige Substanzen

Die Welle reisst in der Folge nicht ab. Drei Tage nach dem Streik werden Spritzen und andere verdächtige Substanzen in der Nähe eines Hotels entdeckt, in dem die Mannschaften GAN, Saeco, Casino und Kelme übernachtet haben. Ein weiteres Mal wird das Hotel des TVM-Teams von der Polizei durchsucht.

In der 17. Etappe kommt es im Fahrerlager erneut zu einem Boykott. Bei Kilometer 32,5 steigen alle vom Rad, nach 20-minütigem Sitzstreik geht es im Schritttempo weiter. Den Tagessieg überlässt das Feld demonstrativ dem TVM-Team, die Etappe wird jedoch nicht gewertet. Die Teams von Once, Banesto und Riso Scotti steigen aus der Tour aus.

Die Polizei nimmt derweil weitere Durchsuchungen in den Mannschaftshotels vor. Am Abend wird Once-Profi Laurent Jalabert zum Verhör gebracht und Casino-Fahrer Rodolfo Massi, bis dahin Träger des gepunkteten Bergtrikots, verhaftet. Gegen den Italiener besteht der Verdacht des Handels mit Dopingmitteln. In seinem Gepäck wurden Cortison-Präparate gefunden. Mit TVM, Kelme und Vitalico ziehen sich drei weitere Teams aus der Tour zurück.

Auch Sieger Pantani war gedopt

Am 2. August trifft Marco Pantani im Gelben Trikot in Paris ein. Seine Inthronisierung als Tour-König wird nicht von weiteren negativen Schlagzeilen um das Doping-Thema überschattet, 2013 ergeben nachträgliche Untersuchungen von Dopingproben aber, dass 1998 auch der Italiener und der Tour-Zweite Jan Ullrich EPO im Blut hatten. Weil es keine B-Proben gibt, bleiben die Ergebnisse ohne sportrechtliche Folgen.

Alex Zülle wird schliesslich für ein halbes Jahr gesperrt, Laurent Dufaux für sieben Monate. Richard Virenque gesteht den EPO-Konsum im Jahr 2000 vor Gericht doch noch und wird ebenfalls für sechs Monate ausgeschlossen.

Die reinigende Wirkung der Ereignisse vom Juli 1998 bleibt indes weitgehend aus. 2003 fliegt der weitreichende Doping-Skandal um Teamarzt Eufemiano Fuentes auf, zu dessen Klientel Namen wie Jan Ullrich, Tyler Hamilton und Alberto Contador gehören, 2012 wird Lance Armstrong nach seinen sieben Tour-Siegen ab 1999 nachträglich des Dopings überführt. Auch im Team des Amerikaners wurde systematisch gedopt.

Quelle: sda
veröffentlicht: 8. Juli 2020 04:35
aktualisiert: 8. Juli 2020 05:47