Curling

Anstelle der Durststrecke kamen die grossen Erfolge

29. März 2022, 05:26 Uhr
Sieben WM-Titel zwischen 2012 und 2022. Das Schweizer Frauencurling triumphiert auf Weltniveau in einer Weise, wie man es nicht einmal von den kanadischen Teams jemals gekannt hat.
Die Schweizer Curlerinnen erzielen einen Erfolg nach dem anderen.
© KEYSTONE/AP/James Doyle

Die Schottinnen um Eve Muirhead 2013 sowie die kanadischen Teams von Rachel Homan und Jennifer Jones 2017 und 2018 – nur diese drei unterbrachen den Siegeszug der Schweizer Quartette in dieser ganzen Zeit.

Dabei musste man sich für das Schweizer Frauencurling eigentlich auf eine Durststrecke gefasst machen. Mirjam Ott dominierte in der Schweiz jahrelang haushoch. In ihrer besten Zeit gewann die heute 50-jährige Bernern als Skip mit den Teams von Flims respektive Davos unter anderem Olympia-Silber 2006, EM-Gold 2008 und WM-Gold 2012. Das Gedeihen des Schweizer Frauencurling schien allein von ihr abzuhängen.

In Sotschi 2014 wurden die Curlerinnen des CC Davos zum zweiten Mal nacheinander an einem Olympia-Turnier Vierte. Sie verabschiedeten sich aus dem Spitzensport, und Swiss Curling schien bei den Frauen vor dem Nichts zu stehen, in ein Vakuum zu geraten. Die Teams von Binia Feltscher und Silvana Tirinzoni hatten bis dorthin, bis 2014, nichts Grosses gewonnen, vor allem keine Medaillen als Skips an Welt- und Europameisterschaften. Und die junge Zürcherin Alina Pätz war zu dieser Zeit gerade erst dabei, ein eigenes Team mit drei ebenfalls jungen Mitspielerinnen aufzubauen.

WM-Titel aus dem Nichts

Aber das vermeintliche Ende sollte sich als der Anfang der besten Zeit herausstellen. Gleichsam aus diesem Nichts fiel dem Schweizer Curling unmittelbar nach Otts Rücktritt der WM-Titel 2014 in den Schoss. Binia Feltscher errang ihn im kanadischen Saint John zusammen mit Christine Urech, Franziska Kaufmann und Irene Schori. Es war für den Kopf der Flimserin möglicherweise hilfreich, dass die alles dominierende Ott nicht mehr die übermächtige Konkurrentin war, die alles auf sich zog.

Ein Jahr später, an der WM in Sapporo, verblüffte die Urdorferin Alina Pätz, für Baden Regio spielend, mit den drei Bernerinnen Nicole Schwägli, Marisa Winkelhausen und Nadine Lehmann die ganze Fachwelt. Das junge Quartett wurde nicht einmal als Aussenseiter gehandelt, aber es spielte die ganze renommierte Konkurrenz in Grund und Boden. Die Bilanz von 14:1 Siegen, mit der die «Four Blondes» sensationelle Weltmeisterinnen wurden, war bis dorthin beispiellos.

Wieder ein Jahr später schlug Binia Feltscher mit unverändertem Team erneut in Kanada zu, in Swift Current. Das Schweizer Frauencurling hatte von 1984 bis 2011 keinen WM-Titel eingefahren, und jetzt konnte es plötzlich auf einen Titel-Hattrick stolz sein – auf einen Hattrick, wie ihn jetzt auch das Team Tirinzoni allein aufweist.

Silvana Tirinzoni war nebst Binia Feltscher und Alina Pätz der Schweizer Skip, dem man etwas zutrauen konnte. Aber mit ihrer Formation brachte sie es nicht aufs Podest, auch nicht im Olympia-Turnier 2018 in Pyeongchang. Alles änderte sich im Frühling 2018, als Melanie Barbezat auf der ersten Position dazu stiess und – vor allem – Alina Pätz die Position der Nummer 4 auszufüllen begann. Die gewiefte Taktikerin Tirinzoni kann sich seither auf der dritten Position besser einbringen. Dass sie das weltbeste Team sind, haben die für den CC Aarau spielenden Curlerinnen bewiesen. Der Hattrick wäre nicht einmal nötig gewesen. Umso beeindruckender ist heute die Matchbilanz aus den drei gewonnenen Weltmeisterschaften: 39 Siege bei nur 5 Niederlagen.

Wie weiter?

Die Zukunft des allerlei Rekorde aufstellenden Teams steht in den Sternen. Nicht einmal die Curlerinnen selbst dürften sie zurzeit kennen. Sie werden sich nach der Saison an einen Tisch oder in eine Sitzgruppe setzen und alles besprechen. Die nächsten Winterspiele stehen 2026 in Mailand (und Cortina an). Über einem WM-Titel steht nur der Olympiasieg. Tirinzoni, Pätz, Esther Neuenschwander und Barbezat wie auch die aufstrebende Ersatzspielerin Carole Howald werden sich überlegen, ob sie noch einmal einen olympischen Zyklus auf sich nehmen wollen. Der Aufwand und die Entbehrungen in diesem nicht mit Preisgeldern zugeschütteten Sport sind beträchtlich.

Falls das Team aufhört, müsste man befürchten, dass das Schweizer Frauencurling plötzlich vor dem Nichts steht. Wie man es 2014 befürchtete, als in Wirklichkeit alles anfing.

Quelle: sda
veröffentlicht: 29. März 2022 05:26
aktualisiert: 29. März 2022 05:26
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