Ringen

Auf den Spuren von Hugo Dietsche

24. September 2019, 07:58 Uhr
Freistil-Ringer Stefan Reichmuth schrieb mit dem Gewinn von WM-Bronze schon Mal Schweizer Ringer-Geschichte.
Freistil-Ringer Stefan Reichmuth schrieb mit dem Gewinn von WM-Bronze schon Mal Schweizer Ringer-Geschichte.
© KEYSTONE/AP/ANVAR ILYASOV
Freistilringer Stefan Reichmuth sorgt mit dem Gewinn von WM-Bronze im Limit bis 86 kg für die wohl bemerkenswerteste Schweizer Erfolgsmeldung im aktuellen Olympia-Zyklus.

Der 25-jährige Luzerner liess in einer der traditionsreichsten olympischen Sportarten überhaupt den grössten Teil der Weltelite hinter sich. Reichmuth realisierte den grössten Schweizer Ringer-Erfolg seit Olympia-Bronze von Greco-Spezialist Hugo Dietsche im Jahre 1984.

Reichmuth stammt aus einer sportbegeisterten Familie. Sein Vater war Nationalturner sowie Ringer und Schwinger, die Mutter und die Schwester waren im Geräteturnen aktiv. Und Bruder Andreas ist mehrfacher Junioren-Meister im Ringen und zählt zum Stammpersonal des RC Willisau, für den Stefan Reichmuth seinen Teil zu zwei Meistertiteln beitragen konnte.

Stefan Reichmuth begann schon als Fünfjähriger zu ringen, damals noch im Sägemehl als Nationalturner in Grosswangen. Allererste Sparringspartner waren freilich die Geschwister gewesen. Heute bringt der 1,75 m grosse Athlet im Alltag 91 kg auf die Waage, bei internationalen Einsätzen startet er im 86-kg-Limit, das er «ohne grosse Probleme» bringt.

Reichmuth ist nur einer von vier Schweizer Freistil-Profiringern. Der Sportsoldat ist dabei aber der Einzige, der sich voll auf den Sport fokussiert und nicht noch einer Teilzeitbeschäftigung nachgeht. Seit 2013 ist Reichmuth Profi.

Von gröberen Verletzungen ist der Zweikämpfer bislang verschont geblieben. Selbst eine Meniskus-Operation am linken Knie Anfang Jahr hielt Reichmuth gerade mal rund einem Monat von der Wettkampf-Matte fern.

Vom Mühsal zum Exploit

Blut, Schweiss und Tränen stecken hinter seiner WM-Grosstat in dieser olympischen Kernsportart. Reichmuth nahm und nimmt Entbehrungen in Kauf. Seine Einkünfte sind niedriger als jene eines Handwerkers. Und er lebt auch deshalb noch bei den Eltern, weil er fast nie daheim ist und ein Leben als Sport-Nomade führt.

Rund 200 Trainingstage im Jahr verbringt er im Ausland. In Bulgarien, Ukraine, Polen, Rumänien, Russland oder Georgien misst er sich mit der Elite seines Fachs. «Es ist eine Investition. Wenn du der Beste werden willst, muss du zu den Besten gehen», sagte Reichmuth gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Mit dem Gewinn von CISM-WM-Bronze hatte er sich bereits 2018 bewiesen, dass er mit Topleuten nicht nur mitringen, sondern diese auch bezwingen kann. Und im vorolympischen Jahr liess Reichmuth nun bei der ersten Möglichkeit zur direkten Olympia-Qualifikation gegen die stärkstmögliche Konkurrenz den bisherigen Karriere-Höhepunkt folgen.

Impulse aus den USA aufgesogen

Die vielen Ausland-Aufenthalte haben einen Stil-Experten aus ihm gemacht. «Die Osteuropäer sind sehr variantenreich und eher die Filigrantechniker. Die Amerikaner dagegen mehr die Bulldozer.» In den USA kämpfte er 2017 während dreier Monate für die Cornell University im Bundesstaat New York.

Er eifert(e) Grössen nach wie Jordan Burroughs, Weltergewichts-Olympiasieger von London 2012, oder liess sich persönlich von Kyle Douglas Dake inspirieren, der am Sonntag seinen WM-Titel im 79-kg-Limit erfolgreich verteidigte. Reichmuth lernte dabei den gewaltigen Stellenwert schätzen, den das Ringen in den USA vor allem auf College-Stufe geniesst. «Ringen zählt da zu den Top 5 Sportarten überhaupt.»

Von einem solchen Status kann dieser Sport hierzulande natürlich nur träumen. Reichmuth kann und will sich aber nicht beklagen. Er profitiert dank zahllosen freiwilligen Helfern von einem «ungemein professionellen» Umfeld.

«Ohne die breite Unterstützung von Familie und Freunden wäre der Gewinn der WM-Medaille nicht möglich gewesen. Ich habe Support in der Buchhaltung, den Social-Media-Kanälen und, und, und. Dieses ganze Management machen Kollegen. Dafür bin ich sehr dankbar.»

Am Montag wurde ihm von der Ringer-Familie und seinem Umfeld auch ein überaus würdiger Empfang in Willisau bereitet. Geschlafen hatte er davor nur wenig, denn die Schweizer Freistil-Delegation kehrte mit einem Nachtflug aus Kasachstans Hauptstadt Nursultan in die Schweiz zurück. Nun sind für Reichmuth nach dessen Grosstat aber erst einmal Ferien angesagt.

Grossträumer vs. Kleindenker

Und dann? Reichmuth deutet es bereits in seinem Whatsapp-Profil an: «You say I dream too big, I say you think too small...» («Du sagst mir, ich träume zu gross, ich sage dir, du denkst zu klein»).

Den nächsten grossen Wurf hat er im Hinterkopf. «Es ist Zeit für eine Schweizer Olympia-Medaille im Ringen. Schliesslich sind die Haare von Hugo Dietsche längst grau», flachste Reichmuth und zwinkerte dabei seinem Freistil-Nationalteamkollegen Marc Dietsche zu, dem Sohn von Hugo Dietsche.

 

Quelle: sda
veröffentlicht: 24. September 2019 07:45
aktualisiert: 24. September 2019 07:58